11 Feb 2015, Athens, Attica, Greece --- People gather outside the Hellenic Parliament showing their support to current government's negotiations with international lenders and protesting against austerity measures. Athens, February 11, 2015. Greece is to seek a cash lifeline at an emergency meeting of eurozone finance ministers on February 11, as Athens struggles to persuade its EU creditors to renegotiate its massive bailout deal. (Photo by Kostis Ntantamis/NurPhoto)

Zwischen Dagong und Ovolos

Griechenland hat bereits jede Kreditwürdigkeit verloren, erklärt die chinesische Rating Agentur Dagong.  Die Troika war immer zu optimistisch. Viele Griechen setzen vorübergehend auf das Ovolos-System.

Wenn eine Krise die Zukunft eines ganzen Kontinents bedroht, stellt sich sehr schnell die Frage: Wie konnte es dazu kommen und wer ist schuld daran? So war das vor eineinhalb Jahren als Griechenland begonnen hat ein drastisches Sparprogramm umzusetzen. Und so ist es auch heute noch, wenn Griechenlands Schuldenberg immer nur noch größer wird, egal was die Europäische Union oder die griechische Regierung unternehmen. Die Gier der Banken sei schuld, sagen die einen, die Politiker hätten versagt, sagen andere; Länder wie Griechenland, hätten schlicht über ihre Verhältnisse gelebt, meinen Dritte. Keine Antwort ist wirklich befriedigend.

Der Fehler liegt im Geldsystem selbst und in der Vielzahl der Aufgaben, die das Geld heute erfüllen muss. Geld dient als Tauschmittel, Wertmaßstab, Spekulationsobjekt und als Vermögensspeicher. Gleichzeitig sind die Menschen immer wieder versucht, Alternativen zum Geld zu finden. Alternativen, die einzelne Funktionen der Währungen übernehmen könnten. Experten machen die Monokultur von Nationalwährungen dafür verantwortlich, dass das Finanzsystem instabil ist. Sie meinen, dass „wir auch beim Geld eine Artenvielfalt brauchen.“ Also Währungen, die nicht alles auf einmal sein wollen, die stattdessen ein sozialeres Wirtschaften ermöglichen, die mehr Unabhängigkeit von Banken versprechen – und dank Internet und Computertechnik immer leichter zu installieren sind.

Ein neues System in Griechenland erlaubt etwa, Euro in Ovolos zu tauschen. Mehr als 5.000 Menschen haben bereits ein Onlinekonto für die Tauschwährung angemeldet, die Ende 2010 gestartet ist. Jeden Tag kommen neue Nutzer hinzu. Das Ziel: Angesichts der explodierenden Arbeitslosigkeit einen eigenen Fluss von Waren und Dienstleistungen jenseits des Euro in Gang zu setzen und sich den massiv steigenden Zinsen entgegenzustemmen. Dabei bietet beispielsweise ein Mitglied des Ovolos-Systems eine Dienstleistung an, und erwirbt auf der Online-Plattform virtuelle  Ovolos-Münzen. Das ist die sogenannte soziale Währung. Der Inhaber des Ovolos-Kontos, kann dann sein fiktives Geld ausgeben, um sich Lebensmittel oder andere Sachen zu kaufen. Herkömmliche Kredite sind in Griechenland derzeit schwer zu bekommen und sehr teuer. Ovolos-Kredite hingegen sind zinslos. Ähnliche Bewegungen hat es auch in Argentinien in vielen Städten zur Zeit des Staatsbankrotts gegeben.

Der Zins spielt im traditionellen Geldsystem eine überaus wichtige Rolle. In allen Ländern leiht die Zentralbank den Geschäftsbanken gegen einen bestimmten Prozentsatz Geld, das diese dann in Umlauf bringen. Um auch den Zins zurückzahlen zu können, müssen die Geschäftsbanken zusätzliches Geld verdienen. Das tun sie, indem sie ihrerseits Geld verleihen und dafür Zinsen nehmen. Umgekehrt bieten sie allen, die bei ihnen Geld aufbewahren, ebenfalls Zinsen, weil sie dieses Geld weiterverleihen können. In diesem Jahr muss Griechenland allein für Kredit- und Zinszahlungen 16,38 Milliarden Euro aufbringen – bei Staatseinnahmen von insgesamt voraussichtlich gerade mal rund 50 Milliarden Euro. Im Jahr 2001, dem letzten Jahr vor dem Euro-Beitritt, waren dafür lediglich 9,32 Milliarden Euro fällig.

Sicher ist: Überweist die Troika nicht kurzfristig die sechste Kredittranche über acht Milliarden Euro aus dem 110-Milliarden-Euro-Kreditpaket, ist Griechenland bankrott. Deshalb drängt die Zeit. Die Geldgeber halten die eigentlich bereits im September fällige Kredittranche bislang zurück, um vereinbarte Auflagen durchzusetzen. Am 1. November hatte der damalige Premierminister Georgios Papandreou mit seiner offenbar nicht abgesprochenen Ankündigung, einen Volksentscheid durchführen zu lassen, zudem für Irritationen im In- und Ausland gesorgt und die Auszahlung erneut blockiert. Papandreou ließ seinen Plan zwei Tage später wieder fallen und opferte sein Amt.

Trotzdem treibt der Blick nach vorne den griechischen Haushaltspolitikern den Schweiß auf die Stirn: Allein im Dezember sind griechische Staatsanleihen im Volumen von 2,3 Milliarden Euro fällig, bis zum 20. März 2012 enden Staatstitel in Höhe von 14,5 Milliarden Euro und bis 2017 muss Griechenland sagenhafte 218 Milliarden Euro für seine Staatsanleihen berappen.

Der Schuldenstand hat fulminante 165 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht und liegt deutlich höher, als die Europäische Union erwartet hat: EU-Schätzungen zufolge sollte Griechenlands Staatsschuld Ende 2011 lediglich 157 Prozent des BIP betragen. Griechenland schuldet allein der sogenannten Troika aus Europäischer Union (EU), Europäischer Zentralbank (EZB) sowie Internationalem Währungsfond (IWF) 65,2 Milliarden Euro – denn die war eingesprungen, als die Not am größten war: Nachdem die Risikoaufschläge für langfristige griechische Staatsanleihen neue Rekordhöhen erreicht hatten, beantragte die griechische Regierung unter dem damaligen Premier Georgios Papandreou offiziell Finanzhilfen. Die Troika einigte sich Anfang Mai 2010 auf Kreditzusagen im Umfang von insgesamt 110 Milliarden Euro unter der Auflage, dass Griechenland ein rigoroses Sparprogramm umsetzt. Bisher sind fünf Kredittranchen der Troika-Kredite an Athen überwiesen worden. Geholfen hat es wenig, die Lage ist prekärer denn je: Binnen zwölf Monaten nahmen Griechenlands Staatsschulden um 23,6 Milliarden Euro zu (plus 7 Prozent). Ende 2010 stand Hellas noch mit 340 Milliarden Euro und Ende 2009 mit 298  Milliarden Euro in der Kreide.

Dabei hat der parteilose Papademos noch eine weitere Mammutaufgabe zu lösen, die angesichts der verheerenden Entwicklung von Griechenlands Staatsschulden mittel- und langfristig von elementarer Bedeutung ist: Die Umsetzung der sogenannten Brüsseler Beschlüsse vom 27. Oktober. Nach dramatischen Verhandlungen hatten die Euro-Länder einen Plan entworfen, durch den Griechenland langfristig – bis 2020 – ohne Kredite vom Finanzmarkt auskommen soll. Grundlegendes Ziel dabei ist, den Schuldenstand des Landes auf 120 Prozent des BIP zu drücken. Demnach verzichten die privaten Gläubiger per Schuldenschnitt von 50 Prozent auf etwa hundert Milliarden Euro ihrer Forderungen an Athen. Ferner stellen die Euro-Länder Griechenland weitere 130 Milliarden Euro an Krediten zur Verfügung, um die Zahlungsfähigkeit des Landes zu gewährleisten.

Die chinesische Rating-Agentur Dagong, hat Griechenlands Bonität auf C herabgestuft. Hellas habe laut Dagong „jegliche Kreditwürdigkeit verloren“. Mit dieser Einschätzung steht die chinesische Rating-Agentur nicht alleine da. Am 14. Juni 2011 senkte beispielsweise die amerikanische Rating-Agentur Standard & Poor’s die Bewertung für langfristige griechische Staatsanleihen um drei Stufen auf CCC. Griechenland hat seither das schlechteste Rating aller benoteten Länder der Welt.

Und die Chinesen gehen noch viel weiter: Sie prognostizieren für Griechenland einen Wachstumseinbruch von minus 7,2 Prozent im nächsten Jahr und minus 6,8 Prozent für 2013. Zum Vergleich: Die Troika und die griechische Regierung gehen – nach bereits vier Jahren währender Rezession in Griechenland – für das Jahr 2012 von einem Rückgang des BIP um lediglich minus 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf dann 212,5 Milliarden Euro aus. Für 2013 soll laut Troika sogar ein Mini-Wachstum anstehen.

Allerdings ist zu befürchten, dass die Pessimisten von Dagong recht behalten. Die Prognosen von Troika und griechischer Regierung waren seit dem Ausbruch der Griechenland-Finanzkrise immer falsch – weil stets viel zu zuversichtlich.

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