15 May 2009, Afghanistan --- A silhouette of a US soldier during a five day mission with the 3/509 Army Airborne Geronimo Scouts in Afghanistan. The mission, known as "Thunder", was to disrupt Taliban activity and find weapons caches in the south east tip of Paktika Province, 10 miles from the Pakistan Border. --- Image by © Chad Hunt/Corbis15 May 2009, Afghanistan --- A silhouette of a US soldier during a five day mission with the 3/509 Army Airborne Geronimo Scouts in Afghanistan. The mission, known as "Thunder", was to disrupt Taliban activity and find weapons caches in the south east tip of Paktika Province, 10 miles from the Pakistan Border. --- Image by © Chad Hunt/Corbis

US-Soldat Bales: Killer & Opfer

Der US-Militärstaatsanwalt fordert die Todesstrafe für Robert Bales. Der US-Soldat soll im März 17 Zivilisten in Afghanistan getötet haben. Doch die Einzeltäter-Theorie ist unhaltbar.   

Die Anhörungen auf dem Militärstützpunkt Lewis-McChord im US-Bundesstaat Washington finden teilweise in der Nacht statt. Dabei wird der Zeitunterschied von rund 8 Stunden zwischen der amerikanischen Ostküste und Afghanistan berücksichtigt. Aus der Provinz Kandahar wurde am Dienstag erneut ein Video in den Gerichtssaal eingespielt: Ein sieben Jahre altes Mädchen berichtete, wie sie sich am 11. März hinter ihrem Vater versteckt hatte, als das Gewehrfeuer eröffnet wurde. Wenige Augenblicke später ist ihr Vater tot.

Wenn wird dem amerikanischen Militärstaatsanwalt Rob Stelle glauben, dann geht das sogenannte „Kandahar Massaker“ einzig und allein auf das Konto von US-Feldwebel Robert Bales (39). Der zweifache Familienvater aus Lake Tapps im Bundesstaat Washington soll insgesamt 17 Menschen getötet haben, darunter neun Kinder. „Man on Fire“ mit Denzel Washington hatte sich Bales mit seinen Kameraden am US-Militärstützpunkt im Süden von Afghanistan gemeinsam angeschaut, ehe er, angeblich alleine, in das nahegelegene Dorf Balandi aufbrach. Dort angekommen eröffnete er mit seinem Sturmgewehr das Feuer. Der M4 Karabiner (5.56 mm) der US-Armee ist noch zusätzlich mit einem Granatwerfer ausgerüstet. Anschließend kehrt er wieder zu seinem Militärstützpunkt, nach Camp Belambay, zurück. Zu welcher Uhrzeit er dann erneut aufgebrochen war, um im Dorf Alkoza seinen Amoklauf fortzusetzen, ist unklar. Unmittelbar nach seiner Rückkehr zum US-Stützpunkt um 5 Uhr morgens, ergibt sich Bales widerstandslos.

Augenzeugen des Massakers berichten bis zum heutigen Tag von „mehreren US-Soldaten“, die in die Häuser eingedrungen waren. „Es ging alles sehr schnell, wir hatten keine Zeit uns zu wehren.“ Insgesamt sollen zwischen 15 und 20 Soldaten an dem Blutbad beteiligt gewesen sein. Doch die US-Armee hält verbissen an der Einzeltäter-Theorie fest. Die Häuser, in denen vor allem Männer und Kinder niedergemetzelt wurden, liegen aber sehr weit auseinander. Das Massaker hätte demnach viel länger gedauert, wäre Robert Bales tatsächlich alleine von Haus zu Haus gezogen.

Zum Abschluss der Vorverhandlung in Washington hat der Militärstaatsanwalt Rob Stelle die Todesstrafe für Robert Bales gefordert, weil dieser „die schlimmsten und verabscheuungswürdigsten Verbrechen begangen hat, die ein Mensch begehen kann.“ Dabei wurden die Untersuchungsergebnisse der Polizei von Kandahar aber schlichtweg ignoriert. So ist mittlerweile eindeutig erwiesen, dass die Kugeln aus unterschiedlichen Waffen stammen, aber vom selben Gewehrtyp abgefeuert wurden. Die untersuchten Projektile steckten in den Hauswänden. Zu einer Obduktion der Toten ist es nie gekommen, weil die Verwandten darauf bestanden, alle Opfer nach islamischem Brauch, also noch am selben Tag zu bestatten.

Auch NATO-Offiziere versuchen die Einzeltäter-These zu glauben, doch sie bestehen darauf, dass das Crime Investigation Department“ (CID) der US-Armee so schnell wie möglich, alle Zweifel ausräumt. Ansonsten steht die ganze NATO in Afghanistan am Pranger. Unter NATO-Soldaten herrscht unterdessen Verwunderung über das Verhalten des mutmaßlichen Killers Robert Bales. Normalerweise darf ein einzelner Soldat das Camp nie alleine verlassen, schon gar nicht während der Nacht. Eine Gruppe kann wiederum zu jeder Zeit ausrücken.

Zurück bleibt der Eindruck, dass sich die US-Militärstaatsanwaltschaft von ihrem einmal eingeschlagenen Kurs nicht mehr abbringen lässt. Die Einzeltäter-Theorie muss bewiesen werden. Auch deshalb, weil das Image der US-Armee in Afghanistan nicht noch stärker beschädigt werden darf. Die Meinung der Bevölkerung in Kandahar hat sich schon vor sehr langer Zeit gewandelt. Die USA werden mitsamt den NATO-Soldaten als Besatzer angesehen. Sofern hinter dem Kandahar-Massaker nun tatsächlich eine ganze Gruppe steckt, würde das für viele Afghanen beweisen, dass die US-Truppen mit feindlichen Absichten in ihr Land gekommen sind.

Ob es nun zu einem Verfahren gegen Robert Bales kommt, entscheidet ein General des Stützpunkts, auf dem die Vorverhandlung stattfand. Dass Bales tatsächlich zum Tode verurteilt wird, ist fast sicher auszuschließen. Seit 1961 haben die US-Streitkräfte keinen ihrer Soldaten mehr hingerichtet. Zu erwarten ist, dass der Geisteszustand von Bales noch eine wichtige Rolle spielen wird. Die US-Armee begründet den Amoklauf mit Geld- und Alkoholproblemen. Bales selbst kann sich an den Tathergang überhaupt nicht mehr erinnern. Sein Anwalt erklärt: „Der Krieg hat ihn kaputtgemacht.“ Bekannt ist, dass gerade Bales‘ Armee-Stützpunkt Lewis-McChord immer wieder im Mittelpunkt der Kritik stand, weil dort „posttraumatische Belastungsstörungen“ unter den Soldaten oftmals nicht diagnostiziert wurden. Dementsprechende Diagnosen wurden erst nachträglich geändert. Bereits vor zwei Jahren hatten Soldaten dieses Stützpunktes drei afghanische Zivilisten getötet.

Bales selbst hat während seines Irakeinsatzes ein Schädeltrauma erlitten und wurde gegen seinen Willen nach Afghanistan geschickt.

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