15 May 2015, Quetta, Pakistan --- (150515) -- QUETTA, May 15, 2015 (Xinhua) -- Police officials record statement of a victim of an acid attack at a hospital in southwest Pakistan's Quetta, May 15, 2015. Two women, including a teenager, sustained severe burn injuries after they were attacked with acid in Quetta, local media reported. (Xinhua/Asad) --- Image by © Asad/Xinhua Press/Corbis15 May 2015, Quetta, Pakistan --- (150515) -- QUETTA, May 15, 2015 (Xinhua) -- Police officials record statement of a victim of an acid attack at a hospital in southwest Pakistan's Quetta, May 15, 2015. Two women, including a teenager, sustained severe burn injuries after they were attacked with acid in Quetta, local media reported. (Xinhua/Asad) --- Image by © Asad/Xinhua Press/Corbis

Pakistan: Wenn die Mutter die Säure bringt

Die 15-jährige Anusha im pakistanischen Kaschmir schaut einem jungen Motorradfahrer nach. Der Vater zerrt sie ins Haus und verprügelt das Mädchen. Die Mutter bringt die Säure. Die Ehre der Familie steht auf dem Spiel.

Ehrlich gesagt: Es passiert mir sehr selten, dass ich Angst habe, bestimmten Dingen auf den Grund zu gehen. Zumeist bereitet es mir sogar große Freude, immer mehr wichtige Details, die vielleicht bis jetzt übersehen wurden, seriös zu recherchieren und in meine Artikel einzubauen. In den letzten Tagen war das anders. Umso öfter ich mich in den Fall der 15-jährigen Anusha vertiefte, desto größer wurde die innere Barriere. Zunächst verspürte ich Hass und Wut, dann Mitleid. Letztendlich eine Mischung aus Ratlosigkeit und Fassungslosigkeit. Immer wieder habe ich versucht einen neuen Anlauf zu nehmen, um vielleicht doch Verständnis für diesen anderen Kulturkreis, diese andere Denkweise entwickeln zu können, um auf irgendeine Weise nachvollziehen zu können, warum Menschen, Eltern, so handeln. Es ist mir nicht gelungen!

Anusha (15) ist ein fleißiges und tüchtiges Mädchen, das gerne zur Schule geht. Sie hilft im Haushalt und war für ihre Geschwister schon immer ein großes Vorbild gewesen. Auch deshalb, weil sich ihre Schulerfolge wirklich sehen lassen können. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie im kleinen Dorf Kotli im pakistanischen Kaschmir, 141 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Islamabad. Nicht weit entfernt von der Line of Control.

Am 29. Oktober näherte sich ein junger Motorradfahrer dem Haus der Familie. Vater, Mohammed Zafar, erklärt gegenüber einem BBC-Reporter wenige Tage später:

„Der Motorradfahrer näherte sich unserem Haus. Sie (Anusha) drehte ihren Kopf und schaute ihn an. Ich hatte Ihr schon vorher gesagt, das nicht zu tun. So begann ich sie zu verprügeln und die Mutter brachte die Säure.“

Das Mädchen weinte, schrie verzweifelt und flehte ihre Eltern an. Doch diese kannten keine Gnade und übergossen ihre Tochter mit der puren Säure. Einen Tag lag musste Anusha unvorstellbare Höllenqualen ertragen. Vermutlich verlor sie auch immer wieder das Bewusstsein, bis sich die Eltern doch entschlossen, ihr Kind in das staatliche Bezirksspital zu bringen. Als sie eingeliefert wurde, war dem Leiter des Spitals, Muhammad Jahangir, sofort klar, dass Anusha keine Überlebenschance hatte. Mehr als 50 Prozent ihres Körpers waren verätzt. Wenige Stunden später starb das junge Mädchen.

Auch der rechte Unterarm der Mutter wurde verätzt. Sie erklärte ein paar Tage später, sie habe das alles nicht absichtlich getan. Doch nach einer kurzen Pause fügt sie gegenüber dem BBC-Reporter noch hinzu: „Es war Anushas Schicksal so zu sterben.“ Das klang eindeutig und unwiderrufbar. Ihr harter Gesichtsausdruck unterstrich ihre Worte. Hier gibt es nichts zu bereuen, denn die Ehre der Familie musste irgendwie gerettet werden. Die Frage, ob das richtig oder falsch war, stellt sich ihr gar nicht. Vater Mohammed Zafar denkt vermutlich ähnlich, dürfte aber Angst haben, mehrere Jahre hinter Gittern zu verbringen. Er erklärte gegenüber einem Polizeibeamten: „Ich konnte nichts unternehmen. Ich versuchte nur, die Säure irgendwie abzuwischen.“ Erst seit März 2012 sind Säureattentate im pakistanischen Teil von Kaschmir unter Strafe gestellt.

Den Nachbarn erzählten die Eltern, „unsere Tochter hat sich selbst das Leben genommen.“ Beim Begräbnis durfte niemand das Gesicht der Toten sehen, es musste verhüllt bleiben. Das kam der älteren Schwester verdächtig vor. Sie informierte die örtliche Polizei. Kurz darauf wurden Mohammed und Zaheen Zafar verhaftet.

Insgesamt sind im letzten Jahr 943 Frauen ermordet worden, weil sie in den Augen ihrer Verwandten, Schande über ihre Familien gebracht haben. Es bleibt zu befürchten, dass die Dunkelziffer viel höher ist.

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