15 Dec 2014, Scottsdale, Arizona, USA --- The X2 Taser Smart Weapon is a popular non-lethal weapon law enforcement uses to subdue a suspect. The weapon deploys darts attached to a wire that remains connected to the weapon to deliver a pulsing charge to suspects that will make them lose control of muscles to allow law enforcement to subdue the suspect. They also manufacture cameras that allow police to record their activities and interactions. The cameras have grown in demand even before the recent spate of controversial police shooting --- Image by © Rick D'Elia/Corbis15 Dec 2014, Scottsdale, Arizona, USA --- The X2 Taser Smart Weapon is a popular non-lethal weapon law enforcement uses to subdue a suspect. The weapon deploys darts attached to a wire that remains connected to the weapon to deliver a pulsing charge to suspects that will make them lose control of muscles to allow law enforcement to subdue the suspect. They also manufacture cameras that allow police to record their activities and interactions. The cameras have grown in demand even before the recent spate of controversial police shooting --- Image by © Rick D'Elia/Corbis

Ohio: Polizist schießt auf Neunjährigen mit Elektroschockpistole

Ein Polizist schießt im US-Bundesstaat Ohio mit einer Elektroschockpistole auf den neunjährigen Jared Perry, weil dieser nicht in die Schule gehen wollte. Eine Zeugin berichtet von eindeutigen Verletzungen am Rücken des Schülers. Wenige Tage später wird das Polizeirevier geschlossen. Aber aus einem anderen Grund.

Jared Perry ist neun Jahre alt. Groß und kräftig für sein Alter: Genau genommen ist er 1,70 Meter groß und wiegt zwischen 90 und 110 Kilogramm. Jared lebt mit seiner Mutter in Mount Sterling, einem winzigen Dorf von Ohio. Wer in New York ins Auto steigt und immer Richtung Westen fährt, erreicht Mount Sterling nach ungefähr neun Fahrstunden. Das Dorf ist überschaubar, es zählt nur 1.865 Einwohner.

Jared Perry liegt im Wohnzimmer auf einer Couch. Er möchte an diesem sonnigen Morgen einfach nicht in die Schule. Seine Mutter, Michelle Perry, ist nicht wirklich begeistert von dieser Idee und beginnt auf ihn einzureden. Ob es in weiterer Folge zu einer heftigen Debatte zwischen Mutter uns Sohn kam, ist unklar. Auf jeden Fall hat kein einziges Argument den Sohn davon überzeugt, doch den Schulweg anzutreten. Mutter Perry greift zum Telefon und ruft die Polizei: Officer McNiel soll den Buben zur Schule begleiten. Als der Polizist wenig später im Haus auftaucht, besteht Jared darauf von seiner Mutter zur Schule begleitet zu werden. Doch diese winkt ab und entgegnet, dass es dafür jetzt zu spät sei.

Es liegt also nun einzig und allein an Officer McNiel den Buben in die Schule zu bringen. Laut Polizeibericht haben mehrere Verwarnungen keine Wirkung gezeigt. Schließlich versucht der Polizist, den Neujährigen von der Couch zu ziehen. Es kommt zu einer kleinen Rangelei. Im Zuge dessen lässt sich Jared auf den Boden fallen, dreht sich blitzschnell auf den Bauch und vergräbt die Hände unter seiner Brust, um so ein Anlegen der Handschellen zu verhindern. Der Polizist fühlt sich herausgefordert, vielleicht sogar provoziert. Er greift zur Elektroschockpistole. „Und löst die Elektroschockpistole“, laut seinen Angaben, „in eine andere Richtung aus.“ Doch seine eigenwillige Machtdemonstration bleibt erfolglos. Jared verharrt am Boden und bewegt sich keinen Millimeter. Seine Mutter, die das Geschehen beobachtet, warnt ihren Sohn erneut. Ohne Erfolg. Jared bleibt wie erstarrt am Boden liegen. Der Polizist sieht keinen anderen Ausweg und schießt mit der Elektroschockpistole gezielt auf den Buben. „Ein einziges Mal habe ich gezielt und abgedrückt“, wie er später festhält. Laut Polizeibericht, „hat der Bub auch nachher seinen Widerstand nicht aufgegeben.“

Das ist oder wäre einzigartig. Denn die verwendete Elektroschockpistole verschießt dünne Drähte mit Widerhaken und lässt so hochfrequente Ströme durch die Körper der Opfer fließen – die Spannung erreicht bis zu 50.000 Volt. Die Getroffenen sinken wie gelähmt zu Boden. Normalerweise. Unabhängige Informationen zu dem Vorfall in Mount Sterling sind sehr schwer zu bekommen. Auch deshalb, weil Mutter Perry auf Distanz zu ihrem eigenen Sohn geht, indirekt somit den Polizeibericht und auch die Aussage des Polizisten bestätigt. Ein Nahverhältnis zum Polizisten können wir trotzdem ausschließen.

Als ein Krankenwagen eintrifft, werden auch keine Verletzungen bei Jared festgestellt. Ohne lange zu überlegen, unterschreibt Mutter Perry ein Formblatt, „wonach sie auf eine medizinische Behandlung ihres Sohnes verzichtet.“ Jared Perry wird auf das Polizeirevier gebracht. Ihm wird „Schuleschwänzen“ angelastet und „Widerstand gegen seine Festnahme“ vorgeworfen. Zwei Tage später meldet sich eine Zeugin aus der Nachbarschaft zu Wort: Valerie Mathias berichtet von eindeutigen Verletzungen am Rücken des Neunjährigen. In einem Fox-News-Interview erklärt sie, sie habe „sechs verschiedene Male auf seinem Rücken gesehen, an drei verschiedenen Stellen.“ Es kommt zu einem Treffen führender Gemeindemitglieder. Auch Jareds Mutter ist anwesend und lässt noch am selben Tag über ihre Anwältin ausrichten, dass „sie nicht damit gerechnet hat, dass der Polizist eine Elektroschockpistole einsetzen wird. Natürlich wollte sie nicht, dass so etwas passiert“.

Eine Woche später wird die Polizeistation in Mount Sterling geschlossen, ihr Polizeichef, Mike McCoy, wird vom Dienst suspendiert. „Aber auf gar keinen Fall wegen des Vorfalls mit der Elektroschockpistole“, wie er selbst versucht richtigzustellen, „sondern, weil sich der Ort keine Polizei mehr leisten kann. Ich werde gezwungen sein, neue Verdienstmöglichkeiten zu finden, um meine Familie künftig auch ernähren zu können.“ Und es stimmt tatsächlich: Das Budget der Polizei von Mount Sterling ist zu klein, um das Polizeirevier noch länger finanzieren zu können. In den letzten Wochen waren nur noch 5 Teilzeitpolizisten im Einsatz.

Zurück bleibt die zentrale Frage, ob der Einsatz einer Elektroschockpistole gegen einen Neunjährigen, der nicht zur Schule gehen möchte, gerechtfertigt ist oder nicht? Die Antwort spaltet nicht nur die kleine Ortschaft Mount Sterling in Ohio, sondern vorübergehend die ganze amerikanische Nation. Dabei liegt die Antwort fast schon auf der Hand, wenn wir uns an Everette Howard (1993 -2011) erinnern: Am 6. August 2011 (3 Uhr Ortszeit) feuert ein Polizist auf dem Universitätsgelände von Cincinnati mit einer Elektroschockpistole einen einzigen Schuss auf den 18-jährigen Studenten Everette Howard. Er bricht sofort zusammen und stirbt infolge eines Herzstillstands.

Trotzdem: Die Elektroschockpistole konnte selten als unmittelbare Todesursache ausgeschlossen oder nachgewiesen werden. Nach Vorfällen mit Todesfolge wurden meist keine eingehenden forensischen Untersuchungen, sondern eher statistische Auswertungen vorgenommen. Amnesty International berichtet 2008 in einer eigenen Studie: Seit 2001 starben allein in den USA 331 Menschen während oder nach dem Einsatz der Waffe, wobei in etwa 40 Fällen gerichtsmedizinische Gutachten den Einsatz der Waffe als Teil der Ursache oder Ursache des Todes auswiesen. Eine medizinische Studie, die Verletzungen zur Anzahl der Taser-Einsätze in Beziehung setzte, kam zu dem Ergebnis, dass bei einer Stichprobe von rund 1000 Taser-Einsätzen in den USA zwischen 2005 und 2007 nur drei Personen tatsächlich ins Krankenhaus eingeliefert wurden.

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