17 Jan 2015, Paris, France --- Gathering against Boko Haram attacks in Nigeria. January 17, 2015. Paris, France --- Image by © Jean Marmeisse/Corbis17 Jan 2015, Paris, France --- Gathering against Boko Haram attacks in Nigeria. January 17, 2015. Paris, France --- Image by © Jean Marmeisse/Corbis

Nigeria: Britische Geiselbefreiung ist gescheitert

Eine britische Antiterroreinheit wollte in Nigeria zwei Geiseln befreien. Einen Briten und einen Italiener. Beide sind tot. Hingerichtet von Boko-Haram-Terroristen. Rom behauptet, nichts von der Befreiungsaktion gewusst zu haben. Doch britische Medien haben andere Informationen.

Boko Haram ist eine islamistische Terrorgruppe, die sich al-Qaida zugehörig fühlt und sich für die Einführung der Sharia in ganz Nigeria einsetzt. Die Menschen in Nigeria nennen die Terroristen der Boko Haram „Taliban“. Deswegen, weil es eine eindeutige Verbindung zu den Taliban in Afghanistan gibt. Doch diese Gruppe hat angeblich auch Verbindungen zu  Al-Qaida im islamischen Maghreb, die als die bestorganisierte bewaffnete Terrororganisation gilt und von den USA, als die gefährlichste Terrorgruppierung der Welt eingestuft wird.

Der Anführer der Boko Haram war der nigerianische Prediger und Sektenführer Ustaz Mohammed Yusuf. Er wurde bei einer Militäroffensive gegen die Boko Haram im Juli 2009 gefangen genommen, als er sich im Ziegenstall seines Schwiegervaters verstecken wollte. In Polizeigewahrsam wurde ein Geständnis auf Video aufgenommen. Kurze Zeit später verkündete die Polizei seinen Tod. Seine Leiche wurde öffentlich zur Schau gestellt. Nach Polizeiangaben wurde Ustaz Mohammed Yusuf bei einem Fluchtversuch erschossen. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer „außergerichtlichen Hinrichtung“.

Seit damals hat die Shura, eine Gruppe aus 20 Männern die Führung der Boko Haram übernommen. Sie haben zudem Kontakte in den Tschad und nach Kamerun. Die Shura ist auch hauptverantwortlich für die Entführung von Christopher McManus und Franco Lamolinara. Der britische und der italienische Ingenieur wurden am 12. Mai 2011 in der Stadt Birnin Kebbi im Nord-Westen Nigerias, dort wo das Land an den Niger bzw. an Benin grenzt, gekidnappt. Beide arbeiteten für eine italienische Baufirma.

In den folgenden Monaten wurde hektisch verhandelt. Und zunächst hatte es den Anschein, als strebt die Boko Haram Gruppe ein Tauschgeschäft an: Inhaftierte Terroristen sollten gegen die beiden Geiseln freigepresst werden. Wenn wir den wenigen Informationen über diese Verhandlungen glauben möchten, haben sich beide Verhandlungsteams nicht darauf einigen können, welche Terroristen im Gegenzug freigelassen werden sollen. Es gab nie Anzeichen für einen Kompromiss. So wurden die Verhandlungen abgebrochen.

Italiens Premier Mario Monti reiste am letzten Donnerstag nach Belgrad. Er garantierte den Serben, Italiens Unterstützung auf dem Weg in die Europäische Union und betone auf der Pressekonferenz, „dass sich Italien auch für eine konstruktive Lösung des Kosovo-Problems einsetzen wird.“ Als Marion Monti zusammen mit einigen Ministern und hohen italienischen Beamten den Flieger Richtung Rom bestieg, kam es zu einer zweistündigen Verzögerung, ehe das Flugzeug startete. Der britischen Premierminister David Cameron meldete sich telefonisch aus London. Genau zur selben Zeit stürmte eine britische Antiterroreinheit einen Häuserkomplex in der Provinzhauptstadt Birnin Kebbi in Nigeria. Cameron berichtete „live“ von dem Einsatz am Telefon und erklärte gegenüber Monti (frei übersetzt):

„Wir müssen angreifen. Das Risiko für die beiden Geiseln ist in den letzten Tagen dramatisch angestiegen. Wir sehen keine andere Möglichkeit.“

Dabei dürften die britischen Geheimdienste MI5 und MI6 eine entscheidende Rolle gespielt haben. Sie haben verschiedene Handy-Telefonate abgehört. Demnach war es klar, dass die beiden Geiseln an einen anderen Ort gebracht werden, um dort auch hingerichtet zu werden. So entschloss sich Cameron zum Angriff und befahl der britischen Antiterroreinheit den Häuserkomplex, wo die Geiseln gefangen gehalten wurden, zu stürmen.

Doch das Ergebnis war niederschmetternd: Beide Geiseln sind tot. Verlässliche Informationen darüber, was genau schief gegangen ist, gibt es bis jetzt nicht. Italiens Mario Monti ist bestürzt und verärgert:

„Wir hätten die Gelegenheit haben müssen, unsere Meinung zu sagen. Das sind Entscheidungen, die wir besser gemeinsam treffen. Schließlich ging es auch um einen italienischen Staatsbürger. Die italienische Regierung hat keine Ahnung von diesem Einsatz gehabt. Cameron hat mich erst angerufen, als der Angriff nicht mehr zu stoppen war.“

Doch dieser Ansicht widersprechen die britischen Medien. Die Tageszeitung „The Independent“ beruft sich auf Regierungskreise und kommt zu dem Schluss, dass Rom sehr wohl darüber informiert wurde, dass es „die Notwendigkeit einer Intervention mit sehr kurzfristiger Vorankündigung“ geben könne. Deshalb sei die Kritik und der lautstarke Protest Italiens auch „unredlich.“ Ohne wirklich zu sagen, wer und wer nicht informiert wurde, erklärt der britische Außenminister William Hague am Rande des EU-Außenministertreffens in Kopenhagen, dass man „nur begrenzt Zeit gehabt hat und deswegen nicht alle informieren konnte.“

Aufklärung verlangt auch der normalerweise sehr zurückhaltende italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano und wünscht sich „eine politische und diplomatische Klärung“. Die missglückte Befreiungsaktion wirft immer mehr Fragen auf:

Der Einsatzbefehl von Cameron kam um 8 Uhr Londoner Zeit. Doch britische Medien berichten in diesen Tagen, dass die britische Antiterroreinheit gemeinsam mit den nigerianischen Soldaten erst drei Stunden später bei ihrem Einsatzgebiet ankamen. Es war also genug Zeit die italienische Regierung über den Einsatz zu informieren, noch bevor die Aktion tatsächlich begonnen hatte. Die beiden Geiseln wurden, so meinen Mitglieder der britischen Antiterroreinheit, von den Boko-Haram-Kämpfern erschossen, nachdem bereits zwei Terroristen getötet worden waren. In der Provinzhauptstadt Birnin Kebbi gibt es allerdings Bewohner, die behaupten, dass die Soldaten zunächst den gesamten Gebäudekomplex umstellt haben und dann das Feuer eröffneten. Neun Stunden lang soll Gewehrfeuer zu hören gewesen sein. Das Einsatzgebiet wurde in einem Umkreis von einem Kilometer von nigerianischen Sicherheitskräften abgesperrt. Es gibt daher in erster Line Ohrenzeugen.

Zurück bleibt natürlich die Frage, ob die italienische Regierung von dem Einsatz der britischen Antiterroreinheit informiert wurde oder nicht? Oder will sich Rom heute einfach nicht mehr daran erinnern wollen, informiert worden zu sein, weil die beiden Geiseln tot sind?

Der Brite Christopher McManus wurde 28 Jahre alt, der Italiener Franco Lamolinara 48 Jahre.

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