Mit errechnetem KalkülAlgorithmen und Gewinne, © Pixbay

Mit errechnetem Kalkül

Künstliche Intelligenz unterstützt die Fondsmanager, kluge Algorithmen steuern Anlagestrategien. Allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Einzigartig bleibt der Medallion Fund des US-Hedgefonds-Investors Robert Mercer – eine wahre Geldmaschine. Steckt dahinter ein Algorithmus, der sich selbst erschaffen hat oder ein gänzlich anderes Erfolgskonzept?

Die Party stand unter dem Motto „Helden und Bösewichte“. Der vermeintliche Held der US-Präsidentenwahl 2016 war natürlich auch eingeladen. Gerne, vielleicht auch aus Dankbarkeit, nahm Donald Trump die Einladung von Robert Mercer an. Mercer, ein Clinton-Hasser, hatte in seine Villa auf dem traumhaften Anwesen „Eulennest“ auf Long Island geladen. Auf der Einladung war ein Römer mitsamt dem abgetrennten Haupt der Medusa abgebildet – Hillary Clinton hatte die Wahl kurz zuvor knapp, vor allem aber völlig überraschend verloren.

Einer der Masterminds des Trump-Erfolges und dem Brexit-Votum war der Physiker und Mathematiker Robert Leroy „Bobby“ Mercer. Mercer ist einer der einflussreichsten Milliardäre in den USA und steuerte zur Gründung der Firma Cambridge Analytica 15 Millionen US-$ bei, primär um die politische Landschaft der Vereinigten Staaten nach seinen eigenen Vorstellungen umzubauen. Im Vorstand von Cambridge Analytica saß, neben seiner Tochter Rebekah, auch Trumps Wahlkampfmanager Steve Bannon, der ehemalige Chef der Webseite Breitbart News Network. Ein umstrittener Ideologe, der sich später ein paar Monate lang als Chefstratege und politischer Berater im Weißen Hauses versuchen durfte.

Ruhig und wortkarg, verliebt in seine sehr großen Rechner, kann Mercer mit Widerspruch nur sehr schlecht umgehen. Er ist überzeugt, immer seinen Willen durchsetzen zu müssen. Trotzdem, zumindest auf den ersten Blick, ist er kein Radikaler, sondern vielmehr ein Opportunist, ein brillanter Kopf, der mit seinem Intellekt und seinem Geld das Unmögliche möglich machen möchte und gerne auf Außenseiter setzt. Vielleicht, weil er in der Vergangenheit selbst oft belächelt wurde?

Nicht ganz ernst genommen wurde er anfangs bei IBM, wo er Computern die Aufgabe übertrug, ein Muster hinter englischen, französischen und kanadischen Gesetzestexten zu erkennen, um aus diesen Einschätzungen richtige Übersetzungen abzuleiten. Lange tüftelte er an Systemen, die Sprachübersetzungen automatisieren sollten. Heute stützen sich sowohl Siri als auch Google Translate auf diese Erkenntnisse.

Das kluge Helferlein

Anfangs zögerte Mercer, das Angebot der US-Investmentgesellschaft Renaissance Technologies anzunehmen. Er sollte dort Analyse- und Vorhersageprogramme für den internationalen Handel entwickeln. Renaissance Technologie, gegründet von James Simons, war der Spezialist für Hochfrequenzhandel: Gemeinsam mit Peter Brown entwickelte Mercer immer klügere Programme, die den legendären Medallion Fund zur vielleicht größten und berühmtesten Geldmaschine der Welt machten.

In den letzten 29 Jahren hat Renaissance 55 Mrd. US-$ Profit gemacht. Wie das möglich ist? Renaissance Technologie war eines der ersten Unternehmen, in dem Algorithmen darüber entschieden, wo wie viel Geld angelegt wird. Dabei filtern Hochleistungsrechner Muster und Trends aus gewaltigen Datenmengen der internationalen Finanzmärkte. Schließlich empfehlen sie den An- bzw. Verkauf von Wertpapieren oder führen den Handel sogar selbstständig durch.

Im täglichen Leben entscheiden Algorithmen, welche Inhalte und Nachrichten, welche Bilder und Filme wir auf Facebook oder Twitter, über Instagram oder Netflix zu sehen bekommen. Auf einer Dating-Plattform sind es zunächst einmal Algorithmen, die künftige Traumpartner herausfiltern. Auch andere Fragen werden von Algorithmen beantwortet: Welche Chancen hat ein Arbeitsloser, einen Job zu finden? Wie kreditwürdig ist ein Bankkunde?  Doch wie kommen Algorithmen zu ihren Entscheidungen?

Spiegelbild unserer Gesellschaft

Die meisten Unternehmen legen nicht offen, wie ihre Algorithmen funktionieren – darunter wirkmächtige Tools wie jene von Facebook, Google und Twitter. Renaissance Technologies hüllt sich ebenfalls in Schweigen. Mit Sicherheit verfügt das Unternehmen über selbstlernende Algorithmen, deren Entscheidungen vielleicht sogar ihre eigenen Schöpfer nicht mehr nachvollziehen können. Die Aufgaben werden mit menschenähnlichem Denkvermögen gemeistert, das Ergebnis ist aber nicht unbedingt objektiv, es stützt sich u.a. auf Stereotypen, die gleichermaßen sexistisch und/oder rassistisch sein können. Kurzum: ein Spiegelbild der realen Gesellschaft, mitsamt ihrem Urteilvermögen.

Recherchen bringen in erster Linie Gerüchte und Spekulationen zutage. Viele Beobachter verzetteln sich in wilden Thesen. Dabei hält sich das Unternehmen in erster Linie strikt an statistische und mathematische Methoden, auch deswegen sind die meisten der 300 Mitarbeiter Mathematiker und Software-Experten. Fast ein Drittel von ihnen besitzt ein Doktorat. Und nur ihnen steht einer der lukrative Hedgefonds Medallion-Fund zur Verfügung. Über ihn verwalten sie ihr gewaltiges Vermögen. Es ist ein elitärer, verschwiegener Klub von Multimilliardären, die reicher und reicher werden und gleichzeitig immer mehr Einfluss auf die politischen Geschicke der USA nehmen, zumindest hinter den Kulissen. Darunter finden sich überzeugte Demokraten wie eingefleischte Republikaner.

Ihnen allen ist klar, dass sie mit dem Medallion Fund nur konkurrenzfähig bleiben, solange sie viel Geld in KI investieren. Dabei sind die Renaissance Technologies-Investoren jedoch nicht alleine. Der weltweite Markt für KI wird bis 2025 auf geschätzte 35 bis 40 Mrd. US-$ anwachsen.

Einfach und einfach profitabel

Neben maximaler Brain-Power ist das eigentliche Erfolgsrezept recht einfach: Im Wesentlichen nutzt die amerikanische Investmentgesellschaft rund um Robert Mercer quantitative Modelle und einen gewaltigen Datenpool, um Muster im Markt zu identifizieren, um von diesen letztendlich zu profitieren. Die Daten für die Handelsausführungen sind im Schnitt nur geringfügig besser. Über Millionen Trades führen diese kleinen Vorteile aber zu gigantischen Gewinnen. Insbesondere, wenn sie durch Hebelwirkung verstärkt werden. Über fast 40 Jahre hindurch erzielte der Medallion Fund einen durchschnittlichen Jahresgewinn von rund 66 %, nach Abzug der einzigartig hohen Kosten verbleiben immer noch 39 Prozent. In anderen Worten: Wer in der 80er-Jahren 1 US-$ in diesen Fonds investiert hätte, würde heute 20.000 US-$ besitzen.

Erst vor zwei Jahren hatte sich Robert Mercer, mittlerweile ehemaliger Co-CEO bei Renaissance Technologie, gewaltig verrechnet. Mit seiner spektakulären Wette gegen den deutschen Leitindex DAX setzte er 200 Millionen US-$ in den Sand. Konkret ging es, laut Medienberichten, um Aktien der Commerzbank, der Deutschen Lufthansa und des deutschen Halbleiterherstellers Infineon. Ihre Kurse waren kräftig gestiegen, Mercer war sich sicher, die Kurse würden sinken. Irrtum.

Das KI-Potential

Doch auch abseits vom Hedgefonds-Geschäft werden die Auswirkungen von KI groß sein. Zwar haben wir es noch lange nicht mit intelligenten Maschinen im Sinne unserer menschlichen Intelligenz zu tun. Dennoch erwartet sich die Wirtschaft gewaltige Gewinnsteigerungen. Vor allem durch Handels- und Produktionsoptimierungen soll mehr Wachstum noch größeren Wohlstand bringen. Verschiedene Experten glauben, dass kluge Algorithmen die Wachstumsraten der größten Industrienationen bis zum Jahr 2035 verdoppeln werden. Geht es nach der Unternehmensberatung McKinsey, könnte die globale Wirtschaftsleistung durch KI bis 2030 um 1,2 % jährlich ansteigen.

Robert Mercer hatte sich bereits im November 2017 von Renaissance-Gründer James Simons verabschiedet. Laut Medienberichten soll es Simons selbst gewesen sein, der Mercer den Rücktritt nahegelegt habe. Vergessen wir zudem nicht: Mercer hatte Trumps Wahlkampf mit 13,5 Millionen US-$ unterstützte. Der Milliardär Simons, ein lebenslanger Demokrat, habe um den Ruf seines Hedgefonds gefürchtet, sollte Mercer weiterhin als Finanzier der Steve Bannon-Revolution auftreten. Wenige Tage später wurde zudem durch die Paradise Papers bekannt, dass Mercer acht Briefkastenfirmen auf den Bermudas besitzt. Hatte sich Mercer erneut verspekuliert?

Erstmals publiziert: Forbes No. 3-20;

Autor: Raoul Sylvester Kirschbichler

 

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