Boy hiding behind shield from larger hand that is about to flick him --- Image by © C.J. Burton/CorbisBoy hiding behind shield from larger hand that is about to flick him --- Image by © C.J. Burton/Corbis

Mingalabar, hier bin ich wieder!

„Mingalabar“ ist Burmesisch und heißt so viel wie „Grüß Gott“. Nach 14 Jahren in Myanmar durchlebe ich in Österreich den beinharten Prozess der beruflichen Re-Intergration. Mit all seinen nahezu unüberwindbaren Hürden. Unfaßbar ist dabei die Verlogenheit der Menschen, nur noch größer ist ihre Angst den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren.   

„Den Wahnsinnigen spiele ich keine 30 Minuten!“ Abgrundtiefer Haß war herauszuhören als die Sendungsverantwortliche in der Argentinierstraße meine Idee aus einem Exklusiv-Interview mit Mahmud Ahmadinedschad auch eine 30-minütige Sendung zu bauen, ablehnte. Natürlich war ich überrascht. Denn der journalistische Auftrag, Information zu transportieren, wurde hier von einer persönlichen Abneigung vorzeitig abgewürgt.  Daß ich den Extremisten Ahmadinedschad auch nicht ins Herz geschlossen habe, ist verständlich und nebensächlich zugleich.

Der kleine Mahmud Ahmadinedschad

Ich galt von der ersten bis zur letzten Minute als unerwünschter Eindringling im 3. Stock des ORF-Funkhauses. An meine Kurzauftritte in den 90-iger Jahren wollte und konnte man sich demnach auch nicht mehr erinnern. Schon bei der ersten Vorbesprechung mit der Sendungsverantwortlichen war mir klar: Sie wird mir jedes Manuskribt zurückwerfen, ihre persönliche Aversion war von der ersten Sekunde an spürbar, als wäre auch ich ein kleiner Ahmadinedschad.

Ich sollte recht behalten. Noch bevor ich die Abendsendung vollständig zu Papier bringen konnte, wurde sie als “zu kopflastig“ abgestempelt, das Manuskribt kurzerhand zurückgeschickt. Es um Myanmar nach den Wahlen im letzten November – die ersten Wahlen seit 20 Jahren. Ein hochpolitisches Thema, das sich immer wieder um die Frage dreht, wie kann man eine der brutalsten Militärdiktaturen unserer Zeit zum Abtanken bewegen. Schließlich regiert die burmesische Junta das Land mit eiserner Faust seit 1962.   Die Überlegungen dazu sind – zugegeben – „kopflastig“, weil Gefühlsdusseleien der Thematik nicht gerecht werden.

Im Handumdrehen wurden auch die anderen Aufträge abbestellt: „Thailand – der Konflikt zwischen Rot- und Gelbhemden“, „Steinigungen – eine mittelalterliche Hinrichtungsmethode im 21. Jahrhundert“ und eine halbstündige Sendung mit Friedensnobelpreisträger, Umweltschützer und Ex-Vizepräsident Albert Arnold Al Gore.

Die  Königsdisziplin

Selbst Themen für die sie nicht zuständig ist, kommentierte die Sendungsveratwortliche abgehoben: „Das ´Journal zu Gast´ obliegt nicht meinem Ressort. Die Königsdisziplin unter den Interviews lassen wir aber nie Freie Mitarbeiter machen, darf ich Sie vorwarnen.“ In anderen Worten: Was ich anzubieten habe ist nebensächlich, mein Arbeitsverhältnis disqualifiziert mich vorweg für diese Sendereihe.

Gespielte Herzlichkeit begegnte mir als ich meine außenpolitischen Beiträge für den aktuellen Dienst gestalten durfte. Hier ist die Angst um den Arbeitsplatz ein ständiger Begleiter eines jeden Redakteurs. Nur der Chef agiert befreit, kompetent und entschlossen, als hätte er nichts mehr zu verlieren. Sein Team mustert mich skeptisch: Niemand weiß woher ich komme, wer mich schickt oder unterstützt. Daß mein Onkel vor vielen Jahren Tonmeister im Funkhaus war, heißt noch lange nicht, daß ich mich jetzt im dritten Stock um einen Sessel umschauen darf. Und falls doch – auf wessen Kosten? Wer muss Platz machen? Keiner!  Man ließ mich stehen – im doppelten Sinn des  Wortes.

Wäre ich der Sohn oder Neffe des Intendanten, dann wäre Alles klar. Vermutlich schon seit seinem Amtsantritt. Irgendwo hätte man schnell einen Sessel aufgetrieben, wahrscheinlich sogar einen provisorischen Schreibtisch aufgeklappt. So aber war ich der Skepsis der Redakteure ausgeliefert. Sie empfanden die Auseinandersetzung mit mir als eine Zumutung, die man zu Umgehen versuchte. Vorallem als der Chef auf Urlaub war.

Die meisten Redakteure sind älter, und sehr erfahren im Umgang mit unerwünschten Subjekten. Ich mußte jeden Tag vom Empfang abgeholt werden. Das war schon bald Niemandem mehr zuzumuten. Nach wenigen Tagen kannte ich den Weg, und welche Tür sich wo öffnen mußte, um über den Hinteraufgang in den dritten Stock vorzudringen. Daß auch diese kecke Eigeninitative nicht gern gesehen wurde, versteht sich von selbst. Aber sie wurde als das geringe Übel stumm akzeptiert, mich von unten persönlich abzuholen, war für niemanden eine Alternative.

Einzigartig sind auch die Redaktionssitzungen. Hier treffen Selbstüberschätzer mit gut geschulten Sprecherstimmen zusammen. Jeder lauscht primär dem Klang seiner eigenen Stimme, als müßte er sich aufwärmen bevor er auf Sendung geht. Inhaltlich werden die Tagesereignisse durchgekaut, selbstrecherchierte Geschichten sind Mangelware. Alles wird von einer lähmenden Routine begleitet. Kaum ein spritziger, innovativer Gedanke – das Sendeschema dominiert. Alles wirkt schrecklich provinziell.

In Tokyo, bei einer Redaktionssitung einer angesehenen englischsprachigen, japanischen Tageszeitung, wird grundsätzlich zweisprachig kommuniziert: die innenpolitischen Themen werden vorwiegend auf Japanisch abgehandelt, außenpolitische Ereignisse in Englisch besprochen. Die Redaktionssitzung ist ein intellektuelles Erlebnis, geistreich und humorvoll. Nicht nur Ressortchefs sind gut vorbereitet. Alle Mitarbeiter, auch freie Journalisten, bringen sich gleichermaßen ein. Wer hier bestehen will, dessen Aufsatz muß gedruckt werden. Jede Sitzung gleicht einem geistigen Feuerwerk, das jeden mitreißt, jedem neue Perspektiven eröffnet.  Die besten Ideen werden letztendlich zu Papier gebracht. Auch der gegenseitige Umgang ist wesentlich respektvoller: Chefredakteure und Ressortleiter behandeln auch freie Mitarbeiter wie ihre eigenen Vorgesetzten.

Das Haus mit dem 3. Stockwerk

Als freier Journalist hat man – genau genommen – im dritten Stock des Funkhauses, im Mekka der Berichterstattung, rein gar nichts verloren. Hier arbeiten ausschließlich Profis. Und trotzdem: Für mein Telefon-Interview mit der burmesischen Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Daw Aung San Suu Kyi gab es zunächst einmal anerkennde Worte. Doch waren sie ehrlich gemeint? In den Augen der Frau Redakteurin spiegelten sich eher Neid und Mißgunst! Es dürfte nicht alltäglich sein Friedensnobelpreisträger ans Telefon zu bekommen. Oder? Vermutlich weil die seriöse  Aufarbeitung und Aufbereitung der aktuellen Ereignisse zu zeitintensiv ist.

So herrschte dann auch großes Aufatmen als mein Interview mit Daw Aung San Suu Kyi stellenweise in einer politischen Debatte festgefahren war. Mea culpa! Ich war der Versuchung erlegen, meine Erfahrungen aus 14 Jahren Myanmar einzubringen, die politische Situation Myanmars zu debattieren, obwohl ich sie doch gekonnt hinterfragen hätte sollen. Die Profis im dritten Stock fühlten sich bestätigt: Der Freie hat hier nichts zu suchen!

Fehler einzugestehen gilt heute als unerwünschte Schwäche. Wer irgendwo Fuß fassen möchte, muß sich als makelloses Idealbild präsentieren, aalglatt und schon ein wenig abgehoben, ob er das alles dann tatsächlich verkörpert oder nicht. Der Schein oder seine Aufrechterhaltung ist gefragt.  Die hochgelobte und oftmals vorweg eingemahnte Auslandserfahrung fällt kaum ins Gewicht, erweist sich allzu oft als Nachteil, weil während eines mehrjährigen Auslandaufenthaltes die Kontakte in der Heimat einschlafen. Die Folge: Das ganz persönliche Netzwerk löst sich auf. Und ohne Netzwerk gilt man in der Republik immer noch als schlecht bzw. – wie es heutzutage heißt – „nicht breit genug aufgestellt“.

Die sogenannten Freunde erkennen auch sehr schnell, daß ich ihnen im Gegenzug für ihre Hilfe rein gar nichts mehr bieten kann. Maximal ein paar Reisetipps für Myanmar. Doch das ist ihnen natürlich zu wenig. Sie wollen nicht nach Myanmar! Schnell wenden sie sich ab, lassen Termine kurzfristig absagen, auf die ich mehrere Monate gewartet habe, lassen sich entschuldigen, verleugnen, oder erscheinen erst gar nicht zum vereinbarten Treffen.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß der Herr Sektionschef tatsächlich wenig Zeit hat. Seitdem „sein“ Minsterium wieder in roten Händen ruht, ist jeder Arbeitsplatz dort heiß umkämpft. Seine Sekretärinnen erklären seine Zeitnot: umständlich und doch liebevoll. Sie sind Vertröstungsweltmeister und nach einem erneuten Blick auf den Terminkalendar müssen sie endgültig abwinken. Einfach keine Zeit! Ich hab seiner Karriere nie als Steigbügelhalter gedient, so gesehen sind auch die sieben Jahre Zusammenarbeit viel zu lange her, als daß sie heute noch erwähnt werden dürften. Es gibt nun einmal keinen freien Termin in absehbarer Zeit. Punkt. Basta.

Beinharte Machtmenschen sitzen überall, sie stellen ihre Termine nur um, wenn sie persönlich davon profitieren könnten. Das Politikum hinter den Kulissen existiert wie eh und je! Es funktioniert sogar perfekter als vor zwanzig Jahren, läßt sich schwerer durchschauen, weil seine Systemerhalter aus ihren Fehlern gelernt haben. Für die meisten Jobs mit gutem Salair braucht der Interessent starke Seilschaften. Ausschreibungen sind oftmals reine Alibihandlungen. Sie orientieren sich von Anfang an am curriculum vitae des Lieblingskandidaten. Vieles läuft hier immer noch ausschließlich über Landesfürsten und Bünde, über Rot oder Schwar und über den gelben Bankriesen.

Der treue Diener einer Herrin

Ich habe weder Gelb gedient noch Rot oder Schwarz lange genug verehrt. Dabei hätte sich schon Ende der 80-iger Jahre die Gelegenheit ergeben, sich über einen Posten in der Pressestelle des Umweltministeriums in ungeahnte Höhen vorzuarbeiten, als treuer Diener der damaligen Herrin. Doch um welchen Preis ? Ich hätte die Welt, vorallem mein Leben im Fernen Osten gegen das geistige Tempelhüpfen im Staate Österreich eingetauscht und wäre irgendwann über der 12.596-ten Presseerklärung verendet oder würde heute ebenfalls als vielbeschäftigter Sektionschef durch die österreichische Welt sparzieren.

So aber habe ich 25 aufregende Jahre als freier Journalist durchlebt, die meiste Zeit in Myanmar verbracht; dort die ausgleichende spirituelle Welt des Buddhismus kennengelernt und von ihr auch angenommen: Respektvoller Umgang und Zurückhaltung. Mit beiden Eigenschaften kommst Du in Österreich nicht sehr weit, vorallem nicht im Funkhaus. Das hat mir auch die elegante Dame bestätigt, die im Herzen Wiens regiert. Sie kennt den öffentlich-rechtlichen Intrigantenstadl aus allen Blickwinkeln.

Wo es um Posten und Gehälter, Ansehen und Prestige geht, dominieren Verlogenheit und Egoismus. Wer damit nicht zurecht kommt, der gilt als dünnhäutig und in weiterer Folge schon als kaum belastbar. Und wer kaum belastbar ist, der ist schlichtweg nicht geeignet für die heutige Arbeitswelt. Sie präsentiert sich als undurchdringbare Masse, die in sich homogen und autark ist, wo jeder Insider keinem Außenstehenden wirklich die Tür öffnen darf, solange er nicht von einer großen Mehrheit dazu aufgefordert wird. Wie jeder Einzelne selbst Teil des Systems werden konnte, wird wie ein Staatsgeheimnis behandelt.

Rein durch Zufall traf ich am Aumannplatz, im 18. Wiener Gemeindebezirk,  den stattlichen Staatsmann, der Leib und Lunge riskierte um dem Staatshaushalt seinen Sparstempel aufzudrücken. Obwohl ich die Privatshpäre von Politikern immer akzeptiert habe und immer akzeptieren werde, dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen. In Kürze war klar, daß wir durch eine Mitgliedschaft im selben Verband verbandelt sind und sein ganz persönliches Helferlein ebenfalls Südostasien-geprüft ist: er verbrachte seine Kindheit in Myanmar. Beides hat bis zum heutigen Tag  meinen beruflichen Werdegang in keinster Weise verändert. Das ist – objektiv betrachtet – gut so.

Und trotzdem, so behaupte ich, schlummert vorallem in der Wiener Seele die Hoffnung durch die Nähe zu den Mächtigsten, selbst in eine mächtige Position gehievt zu werden. Das zu bestreiten gehört irgendwie genauso dazu. Doch weshalb? Nur um gut zu verdienen? Nur um geachtet, bald verachtet zu werden?  Oder, weil wir mehr als nur die zehn Minuten Ruhm möchten, die uns Andy Warhol vorhergesagt hat. Die Motive sind unterschiedlich. Zumeist läßt uns der Faktor Geld umdenken, umfallen. Selbst Idealisten, die das Sparschweinschlachten satt haben, hoffen manchmal einen Gast vom Schweinskopfessen zu treffen, der ihnen die Tür zu den wichtigen Gallerien oder großen Verlagen aufstößt.

Durchbeißen, durchquälen – heißt weiter die Devise. Auch wenn das im Alter schwieriger wird. Der Gedanke, daß sich zu guter Letzt Qualität durchsetzt, ist nur noch schwachsinnig: Hörfunk-Journale wären moderner und internationaler. Wir könnten auch kontroversiellen  (nicht nur informativen) Live-Interviews lauschen. Und selbst kurze englischsprachige Live-Interviews mit anschließender Übersetzungen wären kein Tabuthema mehr.  Die aktuellen Ereignisse sollten nur Ausgangspunkt für die Berichterstattung, ihre fortführenden Themen fixer Bestandteil jeder Redaktionssitzung sein.

Die Erotik des Wissens

Wissen und seine Verbreitung haben auch für den Zuhörer eine faszinierende Erotik, aber nur dann wenn es sich wirklich um Wissenswertes handelt. Der news-Wert selbst ist dafür kein Garant. Deswegen sollten wir uns auch vom Druck der Politik verabschieden, über den Ministerat am Dienstag nur berichten, wenn dort auch wirklich Berichtenswertes gesagt wird. Das ist – Hand aufs Herz – sehr selten. Wenn Faymann und Co. deshalb toben – lassen wir sie toben !

Wissen bekommt auch eine ungeahnte Anziehungskraft, wenn es sich um Fachwissen bzw. Insider-Wissen handelt. Schon vor mehreren Jahren hat mich ein Redakteur der andersfarbigen österreichischen Tageszeitung zu einem Interview über die politische Lage in Myanmar eingeladen. Während meines Österreich-Aufenthaltes trafen wir uns in einem Café der Wiener Josefstadt. Sein Auftritt wirkte relativ professionell, seine Fragen gut vorbereitet – doch es war bald klar, daß er zwar für Myanmar zuständig ist, wie er bahauptete, diese Region aber noch nie bereist hatte. Am Ende stand sein Versprechen mir das fertige Manuskript zur Durchsicht zuzuschicken.

Dazu kam es allerdings nie. Ein schrecklicher Autounfall, von dem man in der Redaktion nichts wußte, an den er sich selbst schon bald nicht mehr erinnern konnte, machte ihn zumindest bis zu meiner Rückkehr nach Myanmar arbeitsuntauglich.  Unser Gespräch diente dem Herrn Redakteur einzig und allein seine Wissenslücken über Myanmar und die dortige Militärjunta zu schließen. Wirklich enttäuschend war das leicht durchschaubare Ausredenlabyrinth in das er sich schon sehr schnell ausweglos verrannt hatte.

Heute würde er vermutlich Alles abstreiten, selbst vor Gericht. Denn er kann nie sicher sein, ob ein Geständnis nicht auch seinen Redakteursposten gefährden würde, schließlich ist der Arbeitsplatz wichtiger und heiliger als die Wahrheit.

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