10 Nov 1994, Canada --- A pedestrian is silhouetted by golden skies during a sunrise over Rideau Canal in Ottowa, Ontario, Canada. --- Image by © Paul A. Souders/CORBIS10 Nov 1994, Canada --- A pedestrian is silhouetted by golden skies during a sunrise over Rideau Canal in Ottowa, Ontario, Canada. --- Image by © Paul A. Souders/CORBIS

Kanada: Morden im Namen der Ehre

Drei Schwestern und eine unfruchtbare Frau mußten sterben, weil die Ehre der Familie in Gefahr war. Ganz Kanada verfolgte einen einzigartigen Mordprozess. Auf der Anklagebank saßen ein Vater, seine Ehefrau und ihr gemeinsamer Sohn. Verurteilt wurde auch das archaische Wertesystem.

Der Rideau-Kanal ist 202 Kilometer lang und verbindet Kanadas Hauptstadt Ottawa mit der Stadt Kingston in der Provinz Ottario. Er ist die älteste ununterbrochene Wasserstraße in Nordamerika. Die UNESCO erklärte den Rideau-Kanal 2007 zum Weltkulturerbe. Am unteren Teil des Rideau-Kanals, unmittelbar bei der Kingston Mills-Schleuse, wurde 2009 ein versunkener Nissan Sentra gefunden. Im Inneren des Autos befanden sich vier leblose Frauenkörper. Vor allem Teenager.

Dabei handelte es sich um drei Schwestern:  Zainab Shafia (19), Sahar Shafia (17), und  Geeti Shafia (13). Die vierte Frau war eine gewisse Rona Amir Mohammed, 50 Jahre alt, als sie sterben musste. Sie war wie eine Stiefmutter für die drei jungen Schwestern. Rona Amir selbst war unfruchtbar, konnte also keine Kinder auf die Welt bringen.  Das war in den Augen ihres Mannes eine „einzigartige Schande“ für ihn und seine ganze Familie. Ihre Unfruchtbarkeit sollte in weiterer Folge auch ihr Todesurteil besiegeln. Ihr Ehemann Mohammad Shafia sah sich demnach gezwungen, eine zweite Frau zu nehmen. Doch sein polygames Leben musste geheim bleiben, ansonsten wäre der Immigrant von den kanadischen Behörden des Landes verwiesen worden. Seine zweite Frau, Tooba Mohammad Yahya, 42, schenkte dem steinreichen Immobilienmakler aus Afghanistan nicht nur drei Töchter, sondern auch einen Sohn: Hamed  ist heute 21 Jahre alt.

Doch es war die Lebensweise der drei Töchter, die dem Vater Mohammed Shafia (56), einem strengen Moslem, so überhaupt nicht passte: Die 13-jährige Geeti surfte wild und – in den Augen des Vaters – „hemmungslos“ durch das Internet. Im Zimmer seiner 17-jährigen Tochter Sahar soll er sogar Kondome und zudem Fotos gefunden haben, die Sahar im kurzen Minirock eng umschlungen mit ihrem nicht-moslemischen Freund zeigten. Alle kannten den großen Zorn des Familienoberhauptes und seine strenge Auslegung des Korans. Ihr musste die ganze Familie folgen und gehorchen. Um jeden Preis. Das archaische Wertemuster des Vaters thronte über allem Tun und Denken. So hatten die beiden älteren Schwestern keine andere Wahl, als ihre Beziehungen heimlich zu führen.

Zu den engsten Verbündeten des Vaters zählten seine zweite Frau und sein Sohn Hamed. Sie, so wird angenommen, haben das Familienoberhaupt regelmäßig und ausführlich über das „ausschweifende“ Leben der Töchter informiert, wenn er von seinen mehrmonatigen Geschäftsreisen wieder nach Hause zurückkehrte. Die unfruchtbare Ehefrau wurde wie eine Sklavin behandelt. In ihrem Tagebuch schreibt sie: „Mein Leben ist eine einzige Folter.“

Die Lebensweise der Töchter zerrüttete die Wertvorstellungen des Vaters und entehrten ihn als Familienoberhaupt. Davon war er überzeugt. Diese Schande war für ihn auf Dauer unerträglich und musste gerächt werden. Am besten mithilfe seiner Verbündeten. Nur der Tod der Töchter und der unfruchtbaren Ehefrau kann die Ehre der Familie wiederherstellen. Es musste aber wie ein Unfall aussehen, denn das kanadische Rechtssystem hat kein Verständnis für ein Morden im Namen der Ehre.

Alle vier Frauen wurden im  Rideau-Kanal ertränkt, ihre toten Körper anschließend in den Nissan Sentra verfrachtet, der Tage später am Grund des Kanals gefunden wurde. Dabei war der Wagen verbeult, vor allem im Bereich der hinteren Stoßstange. Untersuchungen hatten ergeben, dass der Nissan von hinten gerammt wurde.  Nur so war es auch möglich, dass das Auto über die Schleusenwand hinunter in den Kanal stürzte.

Der Mordprozess dauerte 10 Wochen. Und die Untersuchungsergebnisse der Polizei von Kingston legten dar, dass der Nissan mit den vier toten Frauen vom Lexus SUV des Vaters gerammt und so auch in den Kanal befördert wurde. Gleichermaßen belastend waren auch die von Sohn Hamed Shafia im Internet eingegebenen Suchbefehle: Bereits Tage vor dem Verbrechen googelte er die Frage „Where to commit a murder?“

Ganz Kanada verfolgte den Mörder-Prozess. Die Argumentationslinie der Verteidigung war schwach, ihre Zeugen wenig überzeugend. Ähnlich wie die Unfall-Version. Und ganz Kanada war geschockt, als die Anklage ein Telefonat des Vaters abspielte, das heimlich einige Tage nach dem Vierfach-Mord aufgezeichnet wurde:

„Gott verflucht diese ganze Generation mitsamt diesen verdreckten und verrotteten Kindern. Zur Hölle auch mit ihren Liebhabern. Möge der Teufel auf ihre Gräber scheißen. Selbst wenn sie mich hängen, eines ist sicher: Nichts ist mir so wichtig wie meine Ehre!“

Viele Kommentatoren in Kanada sind sich heute einig, dass  Mohammed Shafias Worte fast schon genauso schlimm sind wie die Verbrechen, die er gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Ehefrau begangen hat. Alle drei Angeklagten wurden am 29. Jänner 2012 wegen vierfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

 „Lebenslang“ für Mohammed Shafia

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