Light shining on man in prison cell --- Image by © Barry Downard/Ikon Images/CorbisLight shining on man in prison cell --- Image by © Barry Downard/Ikon Images/Corbis

Häftling X

Ein Mann wird anonym und ohne Anklage weggesperrt. Er verschwindet im Isolationstrakt eines israelischen Gefängnisses. Was hat er verbrochen? Kein Wächter darf mit ihm reden. Nun ist er tot.

In der Abteilung 15, im Isolationstrakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Be’er Scheva, in der israelischen Negev-Wüste,  gibt es eine ganz spezielle Zelle. Sie wurde für Jigal Amir gebaut, den Mörder des ehemaligen Ministerpräsidenten Yitzchak Rabin. Es ist die einzige Zelle, die komplett videoüberwacht wird. Nur in dem kleinen eingebauten Badezimmer gibt es keine Überwachungskamera. Hier wurde ein Überwachungssystem eingebaut, das nach wenigen Sekunden Alarm schlägt, wenn es weder Atmung noch irgendeine Bewegung wahrnimmt. Jigal Amir wurde 2003 in den Hochsicherheitstrakt von Ajalon überstellt.

Sieben Jahre später, Anfang 2010, wurde erneut ein Häftling in dieser videoüberwachten Spezialzelle eingesperrt. Wer er war und warum niemand, nicht einmal das Gefängnispersonal, mit ihm sprechen durfte, ist völlig unklar. Was hat dieser Mann verbrochen, dass er anonym und ohne Anklage einfach weggesperrt wurde?

Nach mehreren Monaten wird der Journalist Raanan Ben-Tzur über Häftling X informiert. Vermutlich von einem Wächter des Beér Scheva Hochsicherheitsgefängnisses. Der Artikel des Journalisten weckt großes Interesse auch bei den verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sofort verbietet Israels Oberster Gerichtshof nicht nur die Veröffentlichung weiterer Berichte, sondern auch die öffentliche Diskussion über den namenlosen Häftling.

Ende 2010 wird Häftling X in seiner videoüberwachten Spezialzelle tot aufgefunden. Das war am 15.  Dezember 2010. Im israelischen Fernsehen wurde nur die Abschrift eines Notrufs verlesen: „Ich brauche sofort einen Krankenwagen! Hört zu, er hat sich erhängt“, schrie einer der Wächter aufgeregt. Wenn wir dem Obduktionsergebnis glauben dürfen, so war die Todesursache: „Ersticken durch Erhängen.“ Wie sich der Unbekannte unbemerkt im Badezimmer erhängen konnte, ist und bleibt bis zum heutigen Tag unklar. Der Leichnam wird noch im Dezember 2010 nach Australien überstellt und am jüdischen Friedhof von Melbourne beigesetzt.

Doch wer war Häftling X, der sich nur sechs Tage nach seinem 34. Geburtstag das Leben nahm? Ohne, dass man ihn darin hinderte. Oder war es wirklich Fahrlässigkeit des Gefängnispersonals? Der australische Fernsehsender ABC hat sich in die Recherche vertieft. Der Ergebnis:  Häftling X soll Ben Zygier geheißen haben. Doch als er im Jahr 2000 nach Israel kam, nannte er sich Ben Alon. Laut seinem Reisepass hieß er Ben Allen. ABC war sich sicher, dass Häftling X – alias Ben Zygier – für den Mossad gearbeitet haben muss. Die israelische Tageszeitung Haaretz vertiefte sich sogleich in die Geschichte. Noch bevor Einzelheiten an die Öffentlichkeit dringen konnten, werden aber alle Berichte, die sich um den Häftling X drehen, gerichtlich verboten. Dabei wird den Redakteuren klar gemacht, dass es besser ist, mit der israelischen Regierung zu kooperieren. Diese Warnung war eindeutig. Doch Israels Journalisten begannen, die Auslandspresse zu füttern.

Schnell verbreitet sich die These, Zygier war ein Mossad-Agent, vielleicht sogar ein Doppelagent, somit also ein Landesverräter, der sehr gut darüber informiert gewesen war, wann der Mossad Geheimdienstaktionen mit australischen Reisepässen durchführt. Ob er diese Informationen tatsächlich bereits weitergegeben hat oder kurz davor war, sie weiterzugeben, bleibt unklar. Die Behörden schweigen und Bens Eltern geben keine Interviews. Trotzdem wird bekannt, dass sich der Staat zu einer Entschädigung von mehreren Millionen Schekel für die Hinterbliebenen bereit erklärt hat. Fünf Schekel entsprechen etwa einem Euro.

Das klingt nach einem Schuldeingeständnis und auch die zuständige Richterin hat ihren Bericht weitergeleitet. Sie kommt zu dem Schluss, dass es sich um „Fahrlässigkeit“ handeln könnte. Das Gefängnispersonal ist möglicherweise seiner Aufsichts- bzw. Überwachungspflicht nicht nachgekommen. Doch wir wissen, dass sich das Gericht verpflichtet fühlt, im Dienste der Regierung zu handeln. Wahrscheinlich weit über das Publikationsverbot hinaus. Und es könnte durchaus im Sinne der israelischen Regierung sein, dass dem Verdacht der Fahrlässigkeit nachgegangen wird. Auch würde es nicht überraschen, wenn sich dieser Verdacht letztendlich erhärtet und alles in einem Schuldspruch endet.

Niemand soll auf den Gedanken kommen, dass israelische Regierungskreise daran interessiert sein könnten, dass Häftling X den Freitod wählte. Ob den Wächtern eingetrichtert wurde, Häftling X einfach seinem Schicksal zu überlassen, egal was passiert? Wie freiwillig war der Freitod? Zwei Tage bevor sich Häftling X in seiner Zelle erhängte, wurde er noch von seinem Anwalt Avigor Feldman aufgesucht. Feldman erklärte:

„Es hat eine Einigung mit der Staatsanwaltschaft gegeben. Im Gegenzug für ein Schuldeingeständnis wird die Strafe milder ausfallen. Als ich ihn gesehen habe, gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass er Selbstmord begehen könnte.“

Um welche Schuld handelt es sich? Warum wurde Häftling X verhaftet? Was hatte er verbrochen? Warum musste er im Isolationstrakt verschwinden?

Häftling X alias Ben Zygier wurde schon zu seiner Studienzeit vom australischen Geheimdienst, Australian Security Intelligence Organisation (ASIO), beobachtet. Er hatte sehr gute Kontakte zu arabischen, vor allem zu iranischen Studenten in Melbourne. Zudem war er auch Mitbegründer einer italienischen Firma, deren Geschäftspartner fast ausschließlich im Nahen Osten zu Hause waren. Zygier reiste immer wieder in den Iran. Trotzdem lässt sich nicht eindeutig beweisen, dass die italienische Firma eine Strohfirma des Mossad war. Über sie gelangten aber auf jeden Fall auch Waren in den Iran, die auf den Boykottlisten der israelischen Regierung stehen. Die Washington Post hat sogar Information, die auf einen Megadeal hindeuten: Rund 50.000 Zentrifugen aus China sollten über diese italienische Handelsfirma an den Iran verkauft werden. Wir wissen, dass in der iranischen Atomanlage Fordo Uran mit derzeit 696 Zentrifugen auf 20 Prozent angereichert wird. Zusätzliche 1444 Zentrifugen soll(t)en in den kommenden Monaten in Betrieb genommen werden. Ob der Deal abgeschlossen wurde, ob der Mossad ihn verhindert hat oder, ob vielleicht sogar schadhafte bzw. manipulierte Teile an den Iran geliefert wurden, bleibt Spekulation.

Leichter nachzuvollziehen ist folgende Theorie: Häftling X war einer der Attentäter des Hamas-Waffenschiebers Machmud al-Mabchuch. Als seine Identität bekannt wurde, verriet er die Namen anderer Agenten, primär um seine Familie zu schützen. Al-Mabhouh wurde am 19. Jänner 2010 im Fünfsterne Hotel Al Bustan Rotana in Dubai vom Mossad erschossen. Die beteiligten Mossad-Agenten kamen – laut ihrer Reisepässe – aus unterschiedlichen europäischen Staaten und aus Australien. Häftling X alias Ben Zygier wurde im März 2010 in die videoüberwachte Zelle des Hochsicherheitstrakts von Be’er Scheva gebracht.

Häftling X alias Ben Zygier oder Ben Alon. Laut Reisepass: Ben Allen  (9.12. 1976 – 15.12. 2010)

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