Grasse, France, France --- The Molinard Perfumerie displays an antique perfume bottle, with a picture of a satyr kissing a woman. Grasse, France. --- Image by © Gail Mooney/Corbis

Grasse: Zwischen Parfum und Totschlag

Das kleine Städtchen Grasse in Südfrankreich ist die Welthauptstadt des Parfums. Seit gestern wird hier wieder der Fall Abel-Hakim Ajimi verhandelt.  Auf der Anklagebank sitzen sieben Polizisten. War es ein Unfall oder doch Totschlag?

Es riecht gut in Grasse. In dem kleinen französischen Städtchen, 20 Kilometer nördlich von Cannes,  haben sich schon im 16. Jahrhundert berühmte  Parfumfabriken angesiedelt. Von Fragonard bis Galimard, von Molinard  bis zu Fleuron de Grasse eben. Sie alle bieten heute kostenlose Führungen durch die historischen Produktionsstätten an. In Grasse spielt auch der Roman „Das Parfum“ – Die Geschichte eines Mörders,  von Patrick Süskind. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet. In Grasse spielt aber auch die Geschichte vom mutmasslichen Totschlag des  jungen Abel-Hakim Ajimi.

Der 22-jährige Araber war verzweifelt, weil ihm die Bank nicht erlaubte sein Konto noch weiter zu überziehen. Dabei wollte er schon bald als Koch in einem bekannten Restaurant von Grasse arbeiten. Ein regelmässiges Einkommen war also zum Greifen nahe.  Als er lautstark zu gestikulieren anfing, fühlte sich der Bankbeamte bedroht und rief die Polizei. Hakim verliess sofort die Bank und wurde erst später von Polizisten einer  französischen Spezialeinheit in der Nähe seiner Wohnung am Boulevard Victor Hugo von Grasse gestoppt. Sie gehörten zur BAC, zur „Brigade anti-criminalité“. Hakim wehrte sich gegen seine Festnahme, was dazu führte, dass die sieben Polizisten – so ein Augenzeuge – mit „außergewöhnlicher Brutalität“ vorgingen.

Als er am Bauch lag, knieten sich die Polizisten auf seinen Kopf, auf sein Genick und auf seinen Rücken. Im selben Moment wurden ihm die Handschellen angelegt. Hakims Gesicht lief violett an  und Passanten berichteten, dass es offensichtlich gewesen sei, „dass er keine Luft mehr bekommt.“ Sein Gesicht war so entstellt – vermutlich auch durch Fusstritte – dass ein benachbarter Freund, der gerade um die Ecke bog, den am Boden liegenden Hakim gar nicht erkannte. Erst als das leblose Gesicht in den Abendnachrichten gezeigt wurde, war ihm klar, dass es sich um Hakim handelte. Als  Sanitäter am Tatort eintrafen,  wurden sie von der Polizei wieder weggeschickt. „Wir haben die Situation im Griff! Kein Problem! Ihr könnt wieder gehen!“, war von einem der Polizisten zu hören. Anschließend wurde Hakim in ein Polizeiauto geladen und zur nächsten Polizeistation gebracht. Laut dem Polizeibericht war sein Zustand „zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht“. Wenig später ist er gestorben.

Das war vor fünf Jahren. Am 9. Mai 2008. Seit damals laufen Untersuchungen, seit damals sind die verschiedensten Gerichte immer wieder mit diesem Fall beschäftigt worden. Einmal lautete die Anklage „unbeabsichtigte Tötung“, ein anderes Mal “ unterlassene Hilfestellung“. Gegen alle Urteile wurde erfolgreich berufen. Hakims Familie hofft immer noch auf Gerechtigkeit, vorallem aber auf ein  rechtskräftiges Urteil.

Menschenrechtsorganisationen haben seither oftmals aufgezeigt, dass die Vorgangsweise der französischen Polizei in vielen Fällen  als „zu gefährlich“ und „lebensbedrohend“ eingestuft werden muss. Amnesty International  kritisiert vorallem die angewandten Techniken, die europaweit verbreitet sind. Dabei ist es schon öfter passiert, dass Menschen plötzlich und ohne offensichtlichem Grund sterben, während sie von der Polizei oder auch von Pflegepersonal gefesselt worden sind. Der sogenannte ´lagebedingte Erstickungstod´ könnte die Ursache dafür sein. Möglicherweise ist eine Person, die mit dem Gesicht nach unten gefesselt wird, stärker beim Atmen behindert, als wenn sie mit dem Gesicht nach oben liegt. Fast alle Personen, die während der Fesselung starben, haben sich über längere Zeit erheblich gegen die Fesseln gewehrt. „Positionale Asphyxie“ – nennen die Gerichtsmediziner die Ursache für Hakims Tod.

Der lagebedingte Erstickungstod ist eine zum Tode führende Form der Asphyxie, die auftritt, wenn sich eine Person in einer Körperhaltung befindet, die sie bei der Atmung behindert.

Seit gestern wird der Fall Hakim in Grasse wieder verhandelt: Zwei Polizisten müssen sich wegen Totschlags verantworten. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen bis zu drei Jahren Haft. Den anderen fünf Polizisten wird „unterlassene Hilfeleistung einer Person in Gefahr“ vorgeworfen.  Geklärt werden soll auch, ob Hakim  bewusstlos oder bereits tot war, als er in das Polizeiauto gehoben wurde. Noch gilt die Unschuldsvermutung.

Zur Werkzeugleiste springen