Didcot, Oxfordshire, England, UK --- Nuclear Energy --- Image by © Charles O'Rear/CorbisDidcot, Oxfordshire, England, UK --- Nuclear Energy --- Image by © Charles O'Rear/Corbis

Europas tickende Zeitbomben

Die AKW-Stresstests in der EU waren wertlos. Vieles versucht Brüssel zu regeln. Strenge einheitliche Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke gibt es bis heute nicht.

Von Pearl Habor bis Auschwitz, von 9/11 bis Fukushima – es sind einzigartige Ereignisse, die sich in unserem Gedächtnis eingebrannt haben. Viele von uns verbinden sie auch mit ganz bestimmten Horror-Bildern, die sich vor unserem geistigen Auge sehr schnell aufbauen: Flugzeuge, die sich in das World Trade Center bohren oder eine gigantische Flutwelle, die die Ostküste Japans und das Atomkraftwerk Fukushima überschwemmt. Übersetzt bedeutet „Fukushima” so viel wie “Glücksinsel”, geopolitisch betrachtet ist Fukushima eine Präfektur in Japan. Und zwar die südlichste Präfektur der Region Tōhoku auf der Insel Honshū. Sitz der Präfektur-Verwaltung ist die gleichnamige Stadt Fukushima.

Während des Erdbebens von Tōhoku (Stärke 9 nach Richter), vor vier Jahren, haben sich alle vier Blöcke des Kraftwerks Fukushima Daini automatisch abgeschaltet. So wurde der sogenannte Isolationszustand der Reaktorsicherheit hergestellt. Wegen des Ausfalls der Kühlmittelpumpen an den Blöcken 1, 2 und 4 wurden hier die Zusatzwasser-Einspeise-Systeme als Hilfsspeisepumpen verwendet. Der von dem Erdbeben ausgelöste Tsunami traf mit einer Höhe von 6,5 bis 7 Metern in Fukushima-Daini ein und überschwemmte in kürzester Zeit Teile des Kraftwerksgeländes.

Wie es genau zu dem Unfall in Fukushima kommen konnte, wurde auf der ganzen Welt immer und immer wieder analysiert. Die von der japanischen Regierung und vom japanischen Parlament eingesetzte gemeinsame Untersuchungskommission kam eindeutig zu dem Schluss:

„Der zunehmende internationale Wissensstand war nicht – wie etwa in der Schweiz – in technischen Nachrüstungen umgesetzt worden. Wären in der Anlage von Fukushima die internationalen Standards eingehalten worden, wäre der Unfall nicht passiert.“

So war es nur eine Frage der Zeit bis Brüssel allen Kernkraftwerken in der Europäischen Union einen Stresstest verordnete, um Sicherheitsmängel aufzuzeigen und mögliche Schwachstellen schnell zu beseitigen. Schließlich befinden sich zwei Drittel der europäischen AKW-Standorte in dicht besiedelten Gebieten – mit mehr als 100.000 Einwohnern in einem Umkreis von 30 Kilometern.

Die Inspektoren besuchten aber nur 23 der 64 europäischen Kraftwerksstandorte. Ultraschallgeräte oder andere Messinstrumente wurden nie verwendet. Als hätte sich die Idee – Stresstests durchzuführen – von Anfang an einem einzigen Grundsatz orientiert: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. So wurde aus der guten Absicht ein Test, der primär auf dem Papier vollzogen wurde. Mit Hilfe von Erdbeben- und Hochwasserszenerien sollte festgestellt werden, wie gut ein möglicher Störfall in einem Kraftwerk kontrolliert werden kann.

Zu den gefährlichsten Kraftwerken, zählen „Forsmark“ in Schweden und „Olkiluoto“ in Finnland. Insgesamt sind hier fünf Reaktorblöcke installiert, von denen vier nicht einmal einen einstündigen Stromausfall sicher überstehen können. Wer die wertlose Stresstest-Ergebnisliste der Europäischen Union im Detail durchgeht, der erkennt, dass sich die einzelnen Atomkraftwerke an nationalen Sicherheitskonzepten orientieren:

Bei deutschen Reaktoren fehlen die Notfallmanagement-Systeme, britische haben keine gebunkerten Notwarten und alle französischen Reaktoren sind auf ein mögliches Erdbeben nicht wirklich gut vorbereitet. Jeder Bürger kann sich also nur gemäß den Sicherheitsbestimmungen seines eigenen Landes „sicher fühlen“.

Doch Atomunfälle auf europäischem Boden werden nie eine rein nationale Angelegenheit bleiben, weil viele Standorte in Grenznähe liegen, sodass bei einem Unglück zwangsläufig auch die Nachbarn betroffen sind. Tschernobyl war und ist der beste Beweis dafür, doch wurden aus der Nuklearkatastrophe vom 26. April 1986 offensichtlich nicht die richtigen Lehren gezogen:

Die stärkste Konzentration an flüchtigen Nukliden und Brennstoffpartikeln (mehr als 37.000 Becquerel pro Quadratmeter) erstreckte sich damals über ein Gebiet von etwa 218.000 Quadratkilometer: von der Ukraine bis Russland und Weißrussland. Niedrigere Konzentrationen wurden wenige Tage später auch in Jugoslawien, Finnland, Schweden, Bulgarien, Norwegen, Rumänien, Deutschland, Österreich und Polen gemessen.

Fast 29 Jahre nach Tschernobyl und 4 Jahre nach Fukushima gibt es noch immer keinen einheitlichen europäischen Sicherheitsrichtlinien-Katalog nach dem Atomkraftwerke gebaut bzw. umgebaut werden müssen. Vieles versucht die Europäische Union zu regeln und im Rahmen von EU-Standards zu vereinheitlichen. Wenn es aber um die Sicherheit der europäischen Atomkraftwerke geht, wo eine supranationale Regelung tatsächlich dringend notwendig ist und auch Sinn ergeben, wirkt sie lahm und unentschlossen. Neben strengen, einheitlichen Sicherheitsstandards braucht Europa dringend eine unabhängige Kontrollinstanz, die auf die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen achtet und auch die Abschaltung von unsicheren Reaktoren einfordern kann. Natürlich: Wünschenswert ist eine gesamteuropäische Initiative, die auch nicht EU-Länder mit einschließt.

Der AKW-Stresstest hat sich mit vielen sicherheitsrelevanten Fragen gar nicht beschäftigt: Man ist davon ausgegangen, dass im normalen Betrieb alles perfekt funktioniert. Risse in Reaktor-Druckbehältern, wie sie jetzt in belgischen Kernkraftwerken gefunden wurden, sind während des Stresstests gar nicht unter Lupe genommen worden. Auch klemmende Brennelemente oder ausgefallene Kühlwasserpumpen wurden ignoriert. Die Ergebnisse des letzten AKW-Stresstests haben laut EU-Kommission dargelegt, dass pro Reaktor zwischen 30 und 200 Millionen Euro investiert werden müssen, um maximale Sicherheit zu gewährleisten. Ein Restrisiko, das ist sicher, wird es immer geben. Summa summarum sollten zwischen 10 und 25 Milliarden Euro in die europäische Atomsicherheit fließen, wenn Europa behaupten möchte, aus Tschernobyl und Fukushima gelernt zu haben.

Zwischen 2012 und 2014 sind drei neue Reaktoren ans Netz gegangen. Somit gibt es weltweit 439 Kernkraftwerke (in 31 Ländern). Viele kleineren Reaktoren der ersten und zweiten Generation sind mittlerweile stillgelegt worden. Gebaut sind insgesamt fast 70 neue Atommeiler. Ihre größten Feinde sind nicht die Atomkraft-Gegner, sondern die explodierenden Kosten: Nach Berechnungen des US-Kernkraftwerksbetreibers Exelon, haben sich die Baukosten in den letzten sieben Jahren verdoppelt. Andererseits sind die neuen Kernkraftwerke deutlich leistungsstärker als die stillgelegten. Die meisten Reaktoren, die derzeit noch in Planung sind, werden aber voraussichtlich gar nicht mehr gebaut werden. So gibt es zumindest in 25 Jahren weniger tickende Zeitbomben, die dringend entschärft werden müssen.

Zugegeben: Das ist momentan nur ein sehr schwacher Trost.

Liste der Kernkraftwerke in Europa

Global 2000: Atomkraft in Europa

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