11 Mar 2016, London, England, UK --- Siv Jensen, a politician in the Norwegian Parliament, leader of the Progress Party and Norway's Minister of Finance, speaking to gathered members of the Norwegian media outside of the London School of Economics in London, England, United Kingdom on Friday 11th March 2016. Siv Jensen was in London to give a speech about how to boost growth as the oil price falls and reforming the Norwegian economy. (Photo by Jonathan Nicholson/NurPhoto) --- Image by © Jonathan Nicholson/NurPhoto/Corbis

Erfolg ist weiblich

Norwegens Wirtschaft stützt sich nicht nur auf Erdölvorkommen. Durchdachte Rahmenbedingungen haben die Frauen in die Aufsichtsräte katapultiert. Viele Erfolgsbilanzen tragen eine weibliche Handschrift.

Es war ein Weihnachtsgeschenk, das langsam, dafür aber umso nachhaltiger das Leben von 5 Millionen Norwegern verändern sollte. Zugegeben: Es war ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Vor 45 Jahren, am 23. Dezember 1969, entdecken die Ingenieure einer Erkundungsbohrinsel, 270 km von der Festlandküste entfernt, ein gigantisches Ölfeld. Es befindet sich im Central Graben, knapp nördlich der Grenze zwischen dem norwegischen und dem dänischen Sektor der Nordsee. Später bekam das Ölfeld den Namen „Ekosfisk“. Ekosfsik verfügt über geschätzten Erdölreserven von rund 4 Milliarden Barrel – damit lassen sich etwa 57 Billionen Liter Benzin und Diesel herstellen. Nur das 1974 entdeckte Ölfeld Statfjord ist noch größer, hier werden 819.000 Barrel pro Tag gefördert.

Ekosfisk ist der Beginn einer Zeitenwende in der Geschichte Norwegens: Aus dem Agrarland wurde eine Industriegesellschaft. Norwegen stieg zum ´European Player´ auf, denn neben Öl exportiert Norwegen auch Strom aus Wasserkraft und liefert heute beinahe so viel Gas an Deutschland wie die Russen.

Der norwegische Staatsfonds, in dem die Einnahmen aus der Erdölbranche veranlagt werden, verfügt mittlerweile über ein Vermögen von über 5,1 Billionen norwegische Kronen (NOK). Das macht jeden der 5 Millionen Norweger theoretisch zum Millionär. Umgerechnet verwaltet der Fonds über 600 Milliarden Euro. Das gesamte Geldvermögen der über acht Millionen Österreicher beträgt vergleichsweise – laut der Österreichischen Nationalbank – 531 Milliarden Euro.

Doch es ist zu einfach den Erfolg der norwegischen Wirtschaft einzig und allein mit dem Erdölverkauf, mit dem Staatsfonds und den langfristigen Investmentstrategien zu erklären. Norwegens Volkswirtschaft verdient sein Wirtschaftswachstum auch dem Vormarsch der berufstätigen Frauen. Die Basis für diese Erfolgsgeschichte wurde bereits im Jahr 1978 gelegt. Ein Gesetz garantierte die Gleichstellung der Geschlechter. Anders ausgedrückt: Seit damals ist in allen Bereichen der norwegischen Gesellschaft jede Form der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verboten. In puncto Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter ist Norwegen – laut dem World Economic Forum – weltweit unangefochtener Spitzenreiter.

Vor acht Jahren wurde den Frauen dann auch der Weg in die Chefetagen geebnet. Seit Anfang 2006 müssen zumindest 40 Prozent der Ausschussmitglieder in börsennotierten Unternehmen weiblich sein. Unternehmen, die dem nicht nachkommen, können aufgelöst werden. Natürlich ist die Anzahl von Frauen in den Ausschüssen schlagartig angestiegen. Selbst in der Politik: 50 Prozent der Regierungsmitglieder und 40 Prozent der Parlamentarier sind mittlerweile Frauen. Im November letzten Jahres hat auch das EU-Parlament beschlossen, bis 2020 eine Frauenquote von 40 Prozent für Vorstände einzuführen. In der alten Brüsseler Kommission waren zuletzt neun von 28 Mitgliedern weiblich. Kommissionspräsident Juncker will nun die Frauenanzahl erhöhen. Doch das Angebot ist dürftig: Aus den EU-Ländern sind bisher nur zwei Frauen nominiert worden.

Insgesamt arbeiten 75 Prozent der norwegischen Frauen außerhalb des Hauses, in den USA sind es 68 Prozent in der Europäischen Union lediglich 65 Prozent. Die dafür notwendigen Rahmenbedingungen für Frauen und Männer wurden 1993 ins Leben. Norwegen war das erste Land, das eine Väterquote eingeführt hat, durch die ein Teil der Elternzeit und des Elterngeldes den Vätern vorbehalten ist. Diese Zeit beträgt inzwischen 12 Wochen und neun von zehn Vätern teilen heute die Elternzeit mit der Mutter (1994 waren es nur 2 Prozent), wodurch den Müttern eine frühe Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglicht wird.

Niemand ist in Norwegen verwundert, wenn der Chef ein Meeting verlässt, um seine Kinder vom Kindergarten abzuholen oder eine Top-Managerin ihr Büro kurzfristig verlässt, um ihr Kind zu stillen. Norwegens Angestelltengesetz schafft flexiblere Arbeitszeiten, sichert den Müttern (und Babys) die nötige Stillzeit auch während eines Arbeitstages. Diese Zeit kann unterschiedlich eingeteilt werden: Entweder zweimal täglich je eine halbe Stunde oder die Arbeitszeit wird pro Tag um eine ganze Stunde verkürzt. Zudem sichert die Gesetzeslage den jungen Müttern und Vätern, sobald ein Kind erkrankt ist, auch die notwendige Freistellung von ihrem Job, um sich zu Hause persönlich um ihren kleinen Patienten kümmern zu können.

Eltern sollen uneingeschränkt die Möglichkeit haben ihre Berufsziele umsetzen zu können. Um das zu ermöglichen wird allen Kindern in Norwegen per Gesetz auch ein Kindergartenplatz garantiert. Familie und Karriere ist kein Gegensatz, solange auch die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Die Familienpolitik, inklusive des garantierten Kindergartenplatzes und der Hortbetreuung nach der Schule und in den Ferien, kostet den norwegischen Staat 2,8 Prozent des BIP.

So gibt es in Norwegen nicht nur Männer, die im Chefsessel Platz genommen haben und zwischendurch auch am Wickeltisch stehen, sondern auch viele Frauen (41 Prozent), die mittlerweile einen fixen Platz im Aufsichtsrat haben. Europas Durchschnittswert liegt bei elf Prozent.

Die absoluten Spitzenpositionen sind aber immer noch recht fest in männlicher Hand (nur 12,4 Prozent sind Norwegerinnen). Erstens, weil Frauen in letzter Konsequenz die Verantwortung für Gewinn und Verlust, also das damit verbundene Risiko nicht so schnell eingehen wie Männer. Und zweitens, weil das interne und externe Netzwerken mit Kollegen und Kolleginnen immer noch eine sehr starke Männerdomäne ist.

Heftig diskutiert wird in Norwegen, ob und wie die Zwangsquote für weibliche Aufsichtsräte den Aufstieg von Frauen auch in andere Spitzenstellungen erleichtert hat. Marit Hoel vom „Center for Corporate Diversity“ (CCD) in Oslo untersucht die Entwicklung seit mehreren Jahren und kommt zu verblüffenden Ergebnissen: „In Unternehmen, für die unsere Frauenquote nicht gilt, steigt der Anteil von weiblichen Vorstandskräften stärker als in denen mit der 40-Prozent-Quote in Aufsichtsräten.“ Gut möglich, dass es hier auch einen direkten Zusammenhang zu den Studentinnen gibt. An Norwegens Universitäten studieren derzeit mehr Frauen als Männer, vor fünf Jahren waren nur sechs von zehn Studierenden weiblich.

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