Hafen Hamburg, © pixabayHafen Hamburg, © pixabay

Endstation Globalisierung

Der Welthandel wächst kaum noch. Die Massenproduktion ist ein Auslaufmodell. Das Monopoldenken der Weltkonzerne hat vieles zerstört. Was kommt nach der hochgelobten Globalisierung?

Vor rund 30 Jahren wurden die Volkswirtschaften als stagnierende Einheiten empfunden. Die Grenzen des Marktes wirkten wie unüberwindbare Mauern, die Wirtschaft und Politik unbedingt gemeinsam niederreißen wollten. Um jeden Preis und unter Aufsicht der Lobbyisten. Denn es ging um mehr Wachstum und um größeren Fortschritt – darin war man sich einig. Auch in den Führungsetagen der Großkonzerne.

Europa musste noch enger zusammenrücken, sich zu einem Wirtschaftsblock formieren, um sich weiterhin mit den USA, China und anderen aufstrebenden asiatischen Märkten messen zu können. Gleichzeitig würden neue Daten-, Güter- und Kapitalströme dafür sorgen, dass der Staat an Bedeutung, an Kontrollmöglichkeit und an Steuerungsfähigkeit verliert. Auch die Fesseln der Staatlichkeit sollten endlich abgelegt werden, letztendlich geben aber die Großkonzerne vor, was wie entschieden werden muss. Die Konkurrenzfähigkeit Europas definiert sich primär über die Konkurrenzfähigkeit seiner Weltkonzerne am Weltmarkt. Um dort irgendwie bestehen zu können, musste die Globalisierung vorangetrieben werden.

Natürlich: Die Globalisierung hat vielen Menschen in Asien und Lateinamerika Wohlstand gebracht. Das untermauern auch die Statistiken der Weltbank: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Schwellen- und Entwicklungsländer lag 1980 bei 14 Prozent des Niveaus der Industrienationen, heute liegt es bei etwa 23 Prozent. Trotzdem ist vor allem dem Westen vorzuwerfen, dass er zu viel versprochen hat.

Unaufhaltsam wird die hochgelobte Globalisierung voranschreiten, sie wird die Welt nachhaltig positiv verändern, wurde uns prophezeit. Heute klingt das fast schon beängstigend. Vor allem weil wir wissen, dass nie Alternativen angedacht wurden, alles wurde und wird immer noch, dem Denken in supranationalen Wirtschaftseinheiten untergeordnet. Erfolgreich wurde uns eingetrichtert, dass vor allem kleinere Staaten selbstständig gar nicht mehr konkurrenzfähig sein können, nur im Verband einer Wirtschaftsgemeinschaft lassen sich noch Wachstum erzielen und neue Arbeitsplätze schaffen.

Der Verlust vertrauter Bindungen mitsamt der Schwächung des Nationalstaates wird von vielen Menschen in Europa mit großer Sorge betrachtet. Für sie ist die Globalisierung ein Schicksal, dem wir nie wirklich entkommen konnten – eine Einbahnstraße, in die uns Politik und Wirtschaft unaufhaltsam hineingesteuert haben und dabei nie müde wurden zu betonen, dass es keine Alternative gibt. Andere feiern die Globalisierung. Sie sind begeistert, dass die Herrschaft des Marktes und seiner Gesetze bald überall und für alles gilt.

Doch die Dynamik der Globalisierung hat mittlerweile spürbar abgenommen. Das liegt nicht an der Konjunkturlage, sondern primär an strukturellen Problemen. Die Kehrseite der internationalen Arbeitsteilung war von Anfang an offensichtlich: Nur Weltkonzerne können von der Ausbeutung der Billiglöhner und vom lukrativen Steuerdumping profitieren. Genau genommen widerspricht eine auf verschiedene Kontinente verstreute Produktions- und Zulieferkette dem gesunden Wirtschaftsverstand: Lange Transportwege zum Verbraucher verursachen einen erheblichen Arbeits- und Kostenaufwand, unterstützen nur die Transportwirtschaft, belasten und gefährden die Umwelt und somit auch unsere Gesundheit.

Wenn Bestandteile eines Computers aus drei oder vier Erdteilen zusammengeklaubt werden müssen, damit sie dann irgendwo im Fernen Osten zusammengesetzt werden können, dann hat unser wirtschaftliches Denken eine schwer nachvollziehbare Richtung eingeschlagen. Es hat gar nichts mehr mit rationalem Arbeitsablauf zu tun, nichts daran ist ökonomisch oder nachhaltig.

Zudem: Je länger die Lieferzeiten, desto unflexibler ist die gesamte Produktion. Bis der im Fernen Osten zusammengesetzte Computer endlich den Käufer erreicht hat, vergehen oftmals mehrere Wochen. Der Produzent muss den Bedarf also schätzen, kann sich nicht nach der eigentlichen Nachfrage richten, weil es durch die lange Lieferzeit zu Engpässen kommen könnte. Die logischen Konsequenzen sind Überproduktion in vielen verschiedenen Branchen: Weltweit warten beispielsweise Millionen PKW auf ihre Käufer. Unzählige Automobilkonzerne parken die Neuwagen auf gigantischen Parkplätzen, sogenannten Autofriedhöfen, wo die Fahrzeuge auf ihre Verschrottung warten.

Längst sind die meisten europäischen Industriebranchen dem globalen Wettkampf erlegen. Nicht einmal unsere Kleidung oder unsere Schuhe können wir noch selbst herstellen; ganz zu schweigen von Kameras, Fernsehgeräten, Handy oder eben Computern – wir müssen mittlerweile alles importieren. Was bedeutet, dass der Globalisierung unsere letzten fossilen Ressourcen opfern, gleichzeitig das Transportaufkommen forcieren, das sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht hat, obwohl die Kaufkraft – genau genommen – abgenommen hat. Denn seit dem Beginn der Globalisierung (um 1980) sind in den meisten westlichen Industrieländern die inflationsbereinigten Löhne und Pensionen gesunken.

Die logische Folge: Der Welthandel wächst kaum noch und die Globalisierung hat an Dynamik eingebüßt. Trotzdem wird die Nachfrage bestehen bleiben. Denn die Weltbevölkerung explodiert in großen Teilen Asiens. In diesen Regionen herrscht immer noch ein gewaltiger Aufholbedarf. Die Frage ist nur, was künftig gehandelt werden wird?

Der klassische Güterhandel mit standardisierten Massenprodukten, die um den halben Erdball geschifft werden, ist ein Auslaufmodell. Wir müssen wieder vor Ort, also näher am Kunden produzieren, individuell betreuen, beraten und auf seine Wünsche eingehen und diese auch umsetzen. So wird auch das Qualitätsbewusstsein wieder erwachen. Natürlich hat echte Qualität ihren Preis, das hatte sie auch schon vor der Globalisierung.

Das grundsätzliche Problem der Globalisierung ist ihre Unverträglichkeit mit einer funktionierenden Marktwirtschaft, die gleiche Wettbewerbsbedingungen und nachhaltige Grundregeln braucht. Parallel dazu potenziert eine global vernetzte Wirtschaft auch das Risiko, dass Krisen von einem Staat auf den anderen übergreifen. Dem Dominoeffekt können selbst IWF und Weltbank nur tatenlos zusehen. Umso stärker die internationalen Banken bzw. Volkswirtschaften miteinander verflochten sind, desto größer ist auch die Gefahr eines globalen Flächenbrandes.

Seit acht Jahren wird die Eurokonjunktur irgendwie gestützt. Primär mit einer abenteuerlichen Billig- Geldschwemme und einer Null-Zinspolitik. Mit dem Ankauf von Staatsanleihen (um insgesamt 1,14 Billionen Euro) hat die EZB europäisches Neuland betreten. Dass Staatsanleihen gekauft werden, um so die Wirtschaft und die Inflation zu befeuern, das gab es noch nie. Der Euro ist auf dem besten Weg zu einer Weichwährung.

Gleichzeitig sollen Reformen und Konjunkturprogramme, Bildungsoffensiven und Subventionen, das Wachstum neu beleben und die erschreckenden Arbeitslosenrekordzahlen drücken. Dabei verschönert die Bilanzkosmetik die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen noch sehr gekonnt. Die Massenarbeitslosigkeit hat sich in der westlichen Welt derart verfestigt, dass sie von uns bereits als ganz normal wahrgenommen wird. Und wer einen Job hat, muss für weniger Geld mehr leisten als vor 35 Jahren.

Die Globalisierung macht also nicht alle reich, sondern einige reich und andere arm – und zwar in einem Ausmaß, das die meisten Ökonomen überrascht, um nicht zu sagen, gänzlich falsch eingeschätzt haben.

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