01 Mar 1992, Murmansk, Russia --- Typhoon Class Submarines in Murmansk --- Image by © Georges de Keerle/Sygma/Corbis01 Mar 1992, Murmansk, Russia --- Typhoon Class Submarines in Murmansk --- Image by © Georges de Keerle/Sygma/Corbis

Die Atomkatastrophe in der Nordsee

Russland hat unzählige Atom-U-Boote im nördlichen Eismeer versenkt. Die Schiffswracks am Meeresgrund sind undicht. Die Atomkatastrophe hat begonnen: Die Fische der Karasee sind bereits verseucht.

Leutnant Boris Korchilow und acht weitere Seeleute arbeiteten insgesamt zwei Stunden im Reaktorraum des russischen Atom-U-Bootes K-19, bis sie die Leitung für das Notkühlsystem verschweißen konnten und die Temperatur im Reaktor wieder zu sinken begann. „Als die Männer aus dem Maschinenraum herauskamen, tränten ihre Augen,“ erinnert sich der Kommandant des Atom-U-Bootes, Nikolaj Satejew, in seinem Augenzeugenbericht, den er einer Untersuchungskommission vorlegen musste. „Sie röchelten nur noch, keiner brachte ein Wort über die aufgeplatzten Lippen. Ihre Haut hatte sich scharlachrot verfärbt und alle erbrachen gelben Schaum.“ Keiner von ihnen überlebte den Störfall im Atom-U-Boot am 4. Juli 1961, rund siebzig Seemeilen vor der Insel Jan Mayen, 650 Kilometer nordöstlich von Island.

Das Atom-U-Boot K-19 hatte in NATO-Kreisen den Spitznamen „Hotel Klasse“, doch nach dem Unglück wurde es nur noch „Hiroshima“ genannt. Hinter vorgehaltener Hand, wie sich versteht. Denn der Störfall am Atomreaktor des U-Bootes war auf gar keinen Fall für die Öffentlichkeit bestimmt. Kapitän Satejew schlug Leutnant Korchilow posthum für den Titel „Held der Sowjetunion“ vor, doch die Ordensverleihung hätte zu viel Aufmerksamkeit geweckt, deswegen kam es auch nie dazu. Vor sechs Jahren schlug dann Michail Gorbatschow die Besatzung der K-19 für den Friedensnobelpreis vor, weil sie die Welt 1961 vor einer furchtbaren Umweltkatastrophe bewahrt hatten. „Zudem“, so war Gorbatschow überzeugt, „hätte eine Nuklearexplosion auch zu einem Atomkrieg zwischen den beiden Supermächten führen können.“

Die K-19 wurde in die Abwrackwerft Nerpa auf der Kola-Halbinsel geschleppt und dort um umgerechnet 6 Millionen Euro in ihre Einzelteile zerlegt. Die Buchten dieser Halbinsel rund um Murmansk sind das größte Atommülllager der Welt. Ein Zwischenlager, wie es heißt. Genau genommen ein Langzeitzwischenlager mit Endzeitcharakter für den radioaktiven Müll der Nordmeerflotte. Das Areal misst 5,5 Hektar und ist umgeben von hohen Mauern mit Stacheldraht. Daneben entsteht ein Fundament für ein Entsorgungszentrum, das ab 2014 den gesamten Atommüll aus dem Nordwesten Russlands aufnehmen soll.

Schon jetzt – so schätzen Experten – lagern rund um Murmansk 14.000 Kubikmeter atomarer Abfall und 150 russische Atom-U-Boote, die nach dem Ende des Kalten Krieges schrittweise außer Dienst gestellt wurden. Jedes U-Boot hatte zwei Reaktoren, jeder von ihnen war mit 248 bis 252 Kernbrennstäben gefüllt. Rund 40 Atom-U-Boote haben noch immer ihre gefüllten Reaktoren im Rumpf. Die Reaktorsektionen von abgewrackten Atom-U-Booten werden in einem sogenannten Sarkophag eingebettet, geschützt von einem Speziallack, der alle zehn Jahre erneuert werden muss, weil er der starken Strahlung nicht länger Stand hält. Nur in der Andrejewa-Bucht alleine lagern 21.000 hoch radioaktive Kernbrennstäbe. Teilweise in Betoncontainern, teilweise auch in alten Frachtern, die im Hafen von Murmansk vor sich hin rosten.

Doch nicht alle Atom-U-Boote sind auf der Halbinsel Kola in ihre Einzelteile zerlegt worden. Am 24. Mai 1961 überhitzte ein Reaktor am Atom-U-Boot K-27, wodurch die Ummantelung einiger Brennstäbe zerstört wurde. Bei den Reparaturversuchen wurden mehrere Besatzungsmitglieder tödlicher Strahlung ausgesetzt. Dreißig von ihnen sind im Laufe der nächsten Jahre gestorben. Die K-27 wurde nie dekontaminiert, der Reaktor nie repariert. Zwanzig Jahre später, 1981, wurden alle Leitungen zum Reaktor mit einer schnell aushärtenden Flüssigkeit gefüllt. Alle Zugänge sollten so für immer versiegelt bleiben. Die Russen befüllten das Atom-U-Boot mit Bitumen, Beton und Konservierungsmitteln und versenkten es heimlich unter Bruch des Völkerrechts im Herbst 1982 in der Karasee bei Novaja Semlja. Die genaue Versenkungsposition: 72°31’28 N und 55°30’09 in 33 Meter Tiefe.

Zwischen den Inseln Nowaja und Sewernaja Semlja sollen, unbestätigten Berichten zufolge, insgesamt 13 Atom-U-Boote absichtlich auf Grund gesetzt worden sein. Alle gehörten zur ehemaligen Nordmeerflotte. Rund die Hälfte, so schätzt man, wurde mitsamt den Reaktoren und den Brennstäben versenkt. Dazu kommen noch zumindest 10.000 Container, die am Boden des nördlichen Eismeers, vermutlich in der Barentssee bzw. in der Karasee dahinrosten. Über ihren Inhalt kann nur spekuliert werden.

Ein 152 Seiten starker Bericht des russischen Umweltministeriums, der teilweise von der ARD veröffentlicht wurde, hat nun dargelegt, dass mittlerweile Meerwasser in das versenkte Atom-U-Boot K-27 eindringt. Experten im Ministerium warnen, „im Reaktor der K-27 besteht mit hoher Wahrscheinlichkeit das Risiko einer unkontrollierten Kettenreaktion wegen hochangereicherter Kernbrennstoffe.“ Sie empfehlen demnach, die K-27 bis spätestens 2014 zu heben.

Das gleiche Schicksal droht uns durch ein anderes Atom-U-Boot, das die Russen versenkt haben: Die K-159 (Baujahr 1962) wurde im Jahr 1989 außer Dienst gestellt und in der Marinebasis Gremicha verankert ohne, dass die Kernbrennstoffe entfernt wurden. Hier rostete sie vor sich hin, bis endlich genug Geld zur umweltgerechten Entsorgung aufgetrieben wurde. Dann begann die letzte, verhängnisvolle Schleppfahrt. Doch die K-159 ist in der Werft Poljarny nie angekommen und sank in der Barentssee mitsamt 7 Mann Besatzung, von denen nur einer überlebte. Sie liegt in einer Tiefe von 238 Metern und gilt seither als tickende nukleare Zeitbombe. Im Rumpf des Schiffswracks wurden bereits große Löcher entdeckt. Offiziellen russischen Angaben zufolge enthält dieses Atom-U-Boot 6,6 Billiarden Becquerel Radioaktivität. Der für uns beste Vergleich ist jener mit dem Atommüll in der deutschen Schachtanlage Asse in Niedersachsen. Der gesamte, im Schacht Asse eingelagerte Atommüll enthält nach Angaben des Öko-Instituts Darmstadt 3,7 Billiarden Becquerel.

„Die Fische sind bereits verseucht!“ Zu diesem Schluss kommt Nikolai Aibulatow, Direktor am ozeanographischen Institut der russischen Akademie der Wissenschaften. Vor allem in der Hafenstadt Amderma und in der Karasee wurden bedrohliche Strahlenwerte gemessen. Daran ist aber nicht nur der radioaktive Müll schuld, den die Russen unter Missachtung aller völkerrechtlichen Verträge einfach ins Meer kippen, die hoch radioaktiven Abfälle der Plutoniumproduktion in Tomsk werden durch den Fluss Ob in die Karasee entsorgt. Und das seit Jahrzehnten.

Die Liste von U-Boot-Unglücken seit 1945

Die Liste bedeutender Schiffsversenkungen

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