14 Oct 2011, Phoenix, Arizona, USA --- A man holding a sign and wearing a mask at the protest. -- People angry with banks and the United States government marched through downtown Phoenix in solidarity with those who have been demonstrating on Wall Street in New York City for the last month. USA. 14th October 2011 --- Image by © Parker Haeg / Demotix/Demotix/Corbis14 Oct 2011, Phoenix, Arizona, USA --- A man holding a sign and wearing a mask at the protest. -- People angry with banks and the United States government marched through downtown Phoenix in solidarity with those who have been demonstrating on Wall Street in New York City for the last month. USA. 14th October 2011 --- Image by © Parker Haeg / Demotix/Demotix/Corbis

Die 99 Prozent-Bewegung

 Zuerst gab es ein Gefühl, benachteiligt zu werden. So entstand der Protest gegen die Banken, vorallem gegen die Boni der Topmanager. Mittlerweile ist daraus eine Bewegung entstanden, die sich weltweit organisieren möchte. Was sie wie verändern will, ist aber völlig unklar. Sie lebt davon, dass es sie gibt. 

New York und London, Rom und Tokyo, Seoul und Hong Kong – in den grössten und wichtigsten Finanzzentren der Welt wird gegen das internationale Finanzsystem protestiert. Zumeist friedlich und halbwegs entschlossen. Doch man muss schon sehr genau hinhören bzw. hinschauen um konkrete Forderungen mitzubekommen. Es geht angeblich  um ein neues Gesellschaftsmodell, das ein gesichertes Grundeinkommen und kürzere Arbeitszeiten garantieren soll.  Irgendwie zusammengefasst in der Botschaft :“Befreit uns von den Fesseln der Schuld und gebt uns einfach die Möglichkeit zu überleben.“

Horrorschlagzeilen und Horrorszenarien der Weltpresse haben in unserer Phantasie ein schwarzes Loch entstehen lassen, das jeden verschlucken wird, der nicht zu den Reichsten der Reichen gehört. Nicht nur die Armen, sondern vorallem der Mittelstand ist aufgerufen sich gegen das drohende Unheil zu wehren. Es muss etwas passieren, bevor es zu spät ist. Nur was, das weiss niemand so genau. So formiert man sich in den Großstädten um primär Wut abzulassen. Und wenn vor einer der größten Banken der Welt gerade kein Nadelstreif in Sicht ist, dann sollen die Polizisten in Kampfmontur den Zorn der Strasse zu spüren bekommen.

Was Mitte September in New York friedlich und besonnen begann und dadurch fast schon Verständnis geweckt hat, endet nun in vielen anderen Metropolen blutig. Vielleicht weil das Feindbild keine klaren Konturen besitzt, sich leicht auch in die Gestalt eines Sicherheitsbeamten verwandeln lässt? Vielleicht, weil die Ziele und Inhalte der Bewegung weniger wichtig sind als der Protest selbst und seine Organisation? Facebook hilft dabei.

Die Protestbewegung möchte die anstehende Banken-Rekapitalisierung ausfallen lassen und zusehen was dann passiert. Das wäre außergewöhnlich riskant, fast schon dumm, und wird nur von ganz wenigen Politikern am linken Rand ernst genommen. Die Banken müssen gestützt werden, sobald die EU-Staaten Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen. Wer das ignoriert, der beschwört die erwähnten Horror-Szenarien tatsächlich herauf. Und die Forderung der Demontstranten nach einer Finanztransaktionssteuer ist alles andere als revolutionär. In Europa sind sich die Regierungschefs längst einig, dass sie wünschenswert wäre. Damit sie tatsächlich Sinn macht – dazu müssten allerdings die Weltmächte USA und China ebenfalls mitziehen.

Die Unterstützer der Occupy-Wall-Street-Bewegung (OWS) in Manhattan (New York)  beschweren sich lautstark darüber, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrössert und lediglich das oberste eine Prozent der Bevölkerung von der Politik der US-Regierungen profitiert. Die inzwischen seit drei Jahren existierende Wirtschafts- und Finanzkrise treffe nicht nur die Armen hart, sondern auch wachsende Teile der Mittelschicht, die ihre Arbeit verlieren und Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Das soll auch mit Zahlen untermauert werden:

46 Millionen Amerikaner leben offiziell in Armut und sind täglich von Essenmarken abhängig, um eine Mahlzeit zu bekommen. 3,5 Millionen US-Bürger sind obdachlos. Vor drei Jahren wurden aufgrund der Immobilienblase 3,2 Millionen Zwangsversteigerungen eingeleitet. Die amerikanischen Zeltstädte werden immer grösser. Die USA sind mit 14 Billionen verschuldet.  Zudem: Das Einkommen des bestverdienenden Tausendstels der US-Gesellschaft stieg von 1970 bis 2008 um 385 Prozent auf 5,6 Millionen Dollar pro Jahr, während jene 137 Millionen Amerikaner, die die nachfolgenden 90 Prozent in der Einkommenspyramide ausmachen, im gleichen Zeitraum (unter dem Strich) keinen Cent dazugewonnen haben und durchschnittlich lediglich über 31.244 Dollar Jahreseinkommen verfügen.

Obwohl die Zahlen durchaus eine Basis für ein seriöses Programm bieten würden, scheint es, dass viele Camper in New York gerade das Fehlen einer Agenda als attraktiv empfinden. Vielleicht profitiert die Occupy-Wall-Street-Bewegung davon, dass sie kein klares Profil und keine Führungsfigur besitzt? Gleichzeitig hofft sie aber jene 99 Prozent zu vertreten, die von der superreichen Elite und der politischen Klasse angeblich dominiert wird.

Doch ausser in Rom, wo mehr als 100.000 zu einer Grossdemonstration aufmarschierten und es zu schweren Ausschreitungen kam, blieb das Ausmass der Proteste eher bedeutungslos. An den meisten Orten waren es nur wenige hundert, die sich aufrafften, um gegen das Finanzsystem zu protestieren. In Paris etwa folgten 200 Menschen dem Aufruf zum Protest der „Empörten“.  Hundert waren es am Finanzplatz Tokio, 500 in Hongkong, rund 1000 in  London.

Ein Aufstand der Massen sieht anders aus. 99,99 Prozent sind zu Hause geblieben.

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