10 Aug 1988, Hiroshima, Japan --- Japanese researcher with genetic samples from victims of the atomic bomb used on Hiroshima. Survivors are studied for long-term effects of exposure to the bomb's radiation. --- Image by © Karen Kasmauski/Corbis10 Aug 1988, Hiroshima, Japan --- Japanese researcher with genetic samples from victims of the atomic bomb used on Hiroshima. Survivors are studied for long-term effects of exposure to the bomb's radiation. --- Image by © Karen Kasmauski/Corbis

Der Fukushima-Effekt

Japans Gesundheitsbehörden verharmlosen die Folgen von Fukushima. Ärzte halten Untersuchungsergebnisse zurück. Ein Foto der Fernsehstation France 2 zeigt Japans Torhüter mit vier Armen.

War es ein schlechter Scherz oder ein Blick in die Zukunft?

Nach dem freundschaftlichen Ländermatch zwischen Frankreich und Japan im Stade de France, zeigte die Fernsehstation France 2 eine Fotomontage des japanischen Torhüters mit vier Armen: „Der Fukushima-Effekt“, wie die Fotomontage genannt wurde, sorgte für Beifall und lautes Gelächter im Fernsehstudio. Japans Tormann  Eiji Kawashima war an diesem Abend der beste Mann am Platz. Auf der anderen Seite der Erdkugel, in Tokyo, reagierte man zunächst mit stiller Betroffenheit. Die Freude über den 1:0-Auswärtssieg gegen die Equipe Tricolore, durch ein spätes Tor von Konno, hatte auf einmal einen außergewöhnlich bitteren Nachgeschmack bekommen. Der Fernsehsender France 2 war in den Augen der japanischen Regierung eindeutig zu weit gegangen. So trat der Leiter des Kabinettsekretariats, Osamu Fujimura, an die Öffentlichkeit und verkündete mit fast schon stoischer Ruhe:

„Der Kommentar war völlig unangebracht und sehr schmerzhaft für alle Opfer der Katastrophe. Zudem untergräbt ein solcher Kommentar, alle Anstrengungen diese Katastrophe aufzuarbeiten.“

Tatsächlich war es der falsche Weg, im Rahmen einer Fußballmatchanalyse der Weltöffentlichkeit die (möglichen) Folgen von Fukushima vor Augen zu führen. Die Angst vor Missbildungen ist in Japan sehr lebendig, auch wenn sie gerne totgeschwiegen wird. Und das nicht nur von Atomkraftbefürwortern. Das ganze Land ist traumatisiert. Viele versuchen, ihre Ängste einfach zu verdrängen. Doch das gelingt nicht wirklich.

Auch deshalb, weil die radioaktive Belastung der Tiere nachweislich noch immer nicht zurückgegangen ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Meeresforschers Ken Buesseler von der Woods Hole Oceanographic Institution (US-Bundesstaat Massachusetts). Sie ist auszugsweise in der letzten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Science“ nachzulesen. Die vor Fukushima gefangenen Fische landen nicht auf dem Sushi-Teller, sondern in den japanischen Labors. Sie sind immer noch überdurchschnittlich stark belastet. Fast die Hälfte der untersuchten Fische haben den Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilogramm Fanggewicht deutlich überschritten. Bei zwei Grünlingen, die im August aus dem Meer gefischt wurden, lag die Belastung sogar bei 25.000 Becquerel pro Kilogramm, 250-mal über dem Grenzwert.

Mittlerweile gilt es auch als erwiesen, dass Zehntausende Menschen, die in der Nähe des Reaktors gelebt haben viel zu spät informiert wurden. Niemand hatte ihnen gesagt, in welche Richtung die atomare Wolke gezogen ist. Seither leben sie mit ihren Familien in Containerdörfern außerhalb der Evakuierungszone. Aber strahlensicher sind sie dort auch nicht. Im letzten März hat die Präfektur Fukushima insgesamt 38.114 Kinder untersucht. Bei mehr als ein Drittel (35,8 Prozent) von ihnen wurden Zysten oder Knoten an der Schilddrüse festgestellt. Bei 970 Kindern hatten die Knoten einen Durchmesser von über 5 Millimeter. Eine ähnliche Studie wurde in Japan im Jahr 2001 in Auftrag gegeben. Damals wurden die gleichen Symptome bei nur 0,8 Prozent der untersuchten Kinder diagnostiziert. Trotzdem glaubt die japanische Regierung nicht, dass die alarmierenden Untersuchungsergebnisse mit dem Reaktorunglück in Zusammenhang gebracht werden können. Von offizieller Seite heißt es nur: „Dass die verbesserten Messmethoden heute zu genaueren Untersuchungsergebnissen führen.“

Die Gesundheitsbehörden halten 99,5 Prozent der Fälle sogar für problemlos und wollen diese Kinder in den nächsten zweieinhalb Jahren nicht weiter untersuchen. Die genauen Untersuchungsergebnisse mitsamt den Ultraschallbildern werden den Familien vorenthalten. Der Hauptverantwortliche für diese Schilddrüsenuntersuchungen, Prof. Dr. Shunichi Yamashita, Vizepräsident der Fukushima Medical University, geht sogar so weit, dass er seinen Ärzten empfiehlt, „die Eltern zu beruhigen und ihnen klarzumachen, dass weitere Untersuchungen unnötig sind.“ Professor Yamashita hatte bereits im letzten Jahr für Kopfschütteln gesorgt, als er erklärt hatte, dass „eine Strahlenbelastung von 100 mSv/Jahr  für Schwangere und Kleinkinder absolut unbedenklich ist.“ In Mitteleuropa gilt 1 mSv/Jahr als akzeptabler Maximalwert für die Bevölkerung, während Atomarbeiter mit maximal 20 mSv/Jahr belastet werden dürfen.

Die Menschen rund um das havarierte japanische Atomkraftwerk Fukushima  Daiichi sind nach Ansicht der atomkritischen „Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs“ (IPPNW) deutlich höher gefährdet als ursprünglich angenommen. Hier klagen auch immer mehr Menschen über Hautveränderungen und Haarausfall, über Durchfall und Nasenbluten. Die Evakuierungszone müsste genau genommen deutlich erweitert werden. Auch um jene Gebiete, wo der verstrahlte Müll aus den zerstörten Dörfern verbrannt wird. Denn hier ist die Belastung mit Radioaktivität in den letzten Monaten um das Zehnfache des sogenannten Normalwertes gestiegen.

Im letzten August wurde der Nakoso-Badestrand in Iwaki, 65 Kilomter südlich des japanischen Atomkraftwerkes Fukushima, wiedereröffnet. Die Kinder freuen sich. Es sei unbedenklich, im Meer zu baden, sagen die örtlichen Behörden. Wie hoch die Strahlung im Wasser ist, verraten sie aber nicht.

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