30 Apr 2012, Tripoli, Tripolitania, Libya --- (120429) -- TRIPOLI, April 29, 2012 (Xinhua) -- File photo shows Libya's former oil minister Shukri Ghanem speaking at a press conference in Tripoli, Libya, March 9, 2011. Austrian police said Sunday the body of Shukri Ghanem was found in the Danube, APA news agency reported. Police said the cause of his death is still not immediately clear and an autopsy would be carried out in the coming days. (Xinhua/Zhang Meng) --- Image by © Zhang Meng/Xinhua Press/Corbis30 Apr 2012, Tripoli, Tripolitania, Libya --- (120429) -- TRIPOLI, April 29, 2012 (Xinhua) -- File photo shows Libya's former oil minister Shukri Ghanem speaking at a press conference in Tripoli, Libya, March 9, 2011. Austrian police said Sunday the body of Shukri Ghanem was found in the Danube, APA news agency reported. Police said the cause of his death is still not immediately clear and an autopsy would be carried out in the coming days. (Xinhua/Zhang Meng) --- Image by © Zhang Meng/Xinhua Press/Corbis

Gaddafi: Der mysteriöse Tod seines Ölministers in Wien

Der Leichnam von Shukri Ghanem (69) wird in der Neuen Donau in Wien gefunden. Er war Libyens Erdölminister. Seine Nähe zum gesamten Gaddafi-Clan ist unumstritten, kommt sein Tod wirklich überraschend?

Wer sich vorsichtig an die österreichisch-libysche Geschichte rund um den Tod von  Shukri Ghanem herantastet, der kommt sehr bald zu folgender Erkenntnis: Diese Geschichte lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen und es gibt viele Menschen, die daran nichts ändern möchten. Sowohl in Libyen als auch in Österreich. Denn umso größer der Interpretationsspielraum desto kleiner ist die Chance, die Wahrheit herauszufiltern.

Dabei ist es nicht sehr schwer darzulegen, dass Herr Shukri Ghanem viele Feinde hatte. Jeder Mensch, der in Libyen im Zentrum der Macht steht und mit Öl zu tun hat, hat auch Feinde. Aber auch Freunde, wie zum Beispiel Silvio Berlusconi. ´Ihm´ hatte Shukri Ghanem billiges Erdöl verkauft und im Gegenzug die italienische Staatsbürgerschaft erhalten. Seine drei Töchter und sein Sohn, die schon sehr lange in Österreich leben, haben die österreichische Staatsbürgerschaft.

Viel schwieriger nachvollziehbar ist das Erdölgeschäft aus dem Jahr 2009:  Von März 2006 bis Mitte Mai 2011 war Shukri Ghanem Vorsitzender des staatlichen Unternehmens National Oil Corporation. Die Erdölförderung Libyens beträgt insgesamt 1, 6 Millionen Barrel am Tag. National Oil Corporation produzierte mehr als drei Viertel davon. Diese Tatsache lässt erahnen, wie viel Macht und den Einfluss der Vorsitzenden dieses libyschen Staatsunternehmens hat. Er war faktisch Libyens Ölminister. Die National Oil Corporation hat zudem noch elf Tochterunternehmen. Eines davon ist Ras Lanuf Oil and Gas Processing Company´ (Rasco). Shukri Ghanem hat Rasco, die größte Raffinerie Libyens, teilweise in die Hände eines Konsortiums übergeben, das seinen Sitz in Dubai hat. Eine Entscheidung, die ihm viel Kritik einbrachte und auch kaum nachvollziehbar ist. Wer die Geschäftspraktiken Shukri Ghanems näher durchleuchtet, der muss auch zu dem Schluss kommen, dass der Ölminister mit diesem Deal seine eigenen Kurs verlassen hat. Libyens Generalstaatsanwalt Abdelmajid Saad brachte es im April auf den Punkt:

„Dem ehemaligen Erdölminister werden Missmanagement der Ölgeschäfte im Namen des libyschen Staates sowie illegale Bereicherung und Korruption vorgeworfen.“

Shukri Ghanem war das höchste Mitglied des Gaddafi-Clans, das sich während der Revolution ins Ausland absetzte: Mit dem Auto ging es bis nach Tunesien, wo er per Flugzeug nach Rom und schließlich nach Wien weiterreiste. Er hatte sich vom Inner-Zirkel Muammar al-Ghaddafis losgesagt, sich aber andererseits nie offen zur Revolution bekannt. In Rom erklärte er am 1. Juni lediglich: „In dieser Lage kann man nicht mehr arbeiten, also habe ich mein Land verlassen und meine Arbeit aufgegeben.“  Ghanem ist es nicht gelungen, rechtzeitig die Seite zu wechseln. Im Gegensatz zum ehemaligen Justizminister Mustafa Abdul Jalil, der bis zu den Wahlen im kommenden Juni an der Spitze des mächtigen Übergangsrates steht.

Für die Übergangsregierung war Shukri Ghanem von Anfang an eine Schlüsselfigur, die – genau genommen – ganz besonderen Schutz verdient hätte. Schließlich sollte er als Kronzeuge auftreten und gegen den inhaftierten Saif al-Islam al-Gaddafi, den Sohn des libyschen Revolutionsführers, aussagen. Dabei wären die Geschäfte des gesamten Gaddafi-Clans zur Sprache gekommen und auch die Frage, welche Mitglieder des derzeitigen Übergangsrates damals involviert waren. Dass Shukrim Ghanem mittlerweile für immer schweigt ist in den Augen vieler Libyer kein Zufall. Nur sehr wenige Menschen hatten tatsächlich ein Interesse, dass er in einem libyschen oder internationalen Gerichtssaal zu Wort kommt.

Shukri Ghanem war hervorragend vernetzt und hatte nicht nur Einblick in die Geschäfte von Saif al-Islam al-Gadaffi, sondern – laut einem WikiLeaks Dokument – auch einen hervorragenden Kontakt zum 5. Sohn des Revolutionsführers, zu Mutassim Gaddafi. Dieser wollte vom ehemaligen Ölminister 1,2 Mrd. Euro um eine kleine Privatarmee auf die Beine zu stellen. Ähnlich der sogenannten Khamis-Brigarde der libyschen Armee, die unter dem Kommando des jüngsten Gaddafi Sohnes – Khamis – stand. Das Geld dafür sollte vom Budget der National Oil Corporation abgezweigt werden. Demnach ist es zunächst einmal Zufall, dass genau der gleiche Gesamtbetrag auf Gaddafi-Konten in Wien vermutet wird. Die Brüder Mutassim und Khamis Gaddafi sind während der Revolution ums Leben gekommen.

Ob Shukri Ghanem selbst Zugang zu den Konten in Wien hatte, darüber wird weiter spekuliert werden. Sicher scheint, dass über diese Konten Gaddafis Außenpolitik finanziert wurde. Ghanem war die Drehscheibe. Er wusste welche Politiker, welche Wahlkämpfe und welche Organisationen von den Gaddafi-Millionen profitierten. Und wenn es nach dem ehemaligen libyschen Ministerpräsidenten Baghdadi al-Mahmudi geht, dann wurde auch der erste Wahlkampf von Nicolas Sarkosy mit 50 Millionen Euro mitfinanziert. Sarkosy und die derzeitige libysche Übergangsregierung bestreiten diese Geldspende.

Shukri Ghanem  hatte sich in den Neunzigerjahren um Saif al-Islam al-Gaddafi gekümmert, als dieser in Wien studierte. Im Gegenzug wurde er von Vater al-Gaddafi mit Macht und Einfluss ausgestattet. Ghanem war ein warmherziger Familienvater und ein eingenwilliger Geschäftsmann. Sein größter Fehler war, dass er mehr Geld auf die Seite schaffte, als notwendig. Irgendwann ist er seiner eigenen Gier verfallen. Auch zum Wohle seiner Kinder und künftigen Kindeskinder. Daran besteht kaum Zweifel. Doch mit den Öl-Millionen wurden nicht nur Verwandte und Freunde unterstützt, irgendwann mussten damit auch regelmäßig Feinde bezahlt werden. Als im letzten Jahr der Gaddafi-Clan entmachtet wurde und viele Wegbegleiter rechtzeitig die Seite wechselten, haben sich bestehende Netzwerke aufgelöst. Die Trennlinie zwischen Freunden und Feinden war nicht mehr eindeutig.

Passanten hatten den Leichnam von Shukri Ghanem bei der Copa Cagrana in der Neuen Donau entdeckt. Nicht weit von seinem Penthouse in der Kratochwjlestraße im 22. Wiener Gemeindebezirk. Die Polizei hat von Anfang an betont, dass es keine Hinweise auf Fremdverschulden oder Selbstmord gibt. Polizeipressesprecher Roman Hahslinger ergänzt aber noch:

„Wenn ihn jemand hineingestoßen hat, gibt es auch keine Gewaltspuren. Möglicherweise ist ihm aber auch schlecht geworden, und er ist ins Wasser gefallen.“

Am 4. Mai wurde Shukri Ghanem in Tripolis beigesetzt. Nur Männer sind auf der Trauerfeier erschienen: Rund 200 frühere Kollegen, Freunde und Familienangehörige. Kein Vertreter der derzeitigen Übergangsregierung.

„Die Familie von Dr. Ghanem ist nach dem plötzlichen und tragischen Verlust eines viel geliebten und respektierten Mannes in Trauer“, betonte die Familie laut Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP). „Die endgültige Autopsie ergab, dass die Ursache des Todes von Dr. Ghanem natürlich ist. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass jemand anderer an dem Tod beteiligt ist“, ging die Familie auf Gerüchte ein.

 Dr. Shukri Ghanem war Nichtschwimmer.

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